Kühdorf - Die Straße

Von Stefan Petermann

Wenn es Abend wird, das Holz lackiert ist und die Modellflugzeuge geleimt sind, setzt sich Herr Baum auf den weißen Plastikstuhl hinter seinem Haus, zündet sich eine Zigarette an und schaut in den Sonnenuntergang hinaus aufs Land Richtung Hohenleuben. Kehrt Herr Schröder vom Polizeischichtdienst aus Gera zurück, geht er zu seinen Mondain-Tauben und wirft ihnen Körner zu. In der Dämmerung treibt Frau Drechsler die Pferde von der Koppel zurück in den Stall.

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Ist es der erste Montag im Monat, zieht Herr Ott abends die Feuerwehruniform an und legt Schläuche am Dorfteich aus. Frau Richter bringt ihren kleinen Sohn zu Bett. Frau Oertel schiebt einen Kuchen mit frisch gepflückten Beeren in den Ofen, während Herr Oertel im Museum ein Bügeleisen an den richtigen Platz stellt. Herr von Hintzenstern macht sich auf den Weg zur Kirche, um dort die Uhr aufzuziehen, denn ansonsten gäbe es keine Zeit in Kühdorf.

Sie alle wohnen an derselben Straße: Der Ortsstraße, der einzigen von Kühdorf. Und möglicherweise lässt sich einiges über Kühdorf anhand dieser einen Straße erzählen; das Abenteuerliche und das Alltägliche, die Ängste, Verluste und erstrittenen Chancen, das, was dafür eingesetzt werden musste und vor allem, dass jeder auf diese Straße schaut und doch jeder Blick darauf ein anderer ist.

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Mit der Straße ist es so: Die ist verhältnismäßig neu. Und deshalb verhältnismäßig gut ausgebaut. Von der B92, der ehemaligen Handelsstraße nach Nürnberg, geht sie ab und erst einmal durch ein weites Kornfeld. Hinter dem Ortseingangsschild führt sie vorbei an den gestapelten Bierkisten beim grünen Bauwagen, wo die Jungen sich treffen, weiter vorbei an einem ausrangierten Krankenwagen, vor dem Ziegen grasen und geht über in den Kreisverkehr beim Schulbushalt, eine ordentlich gestutzte Hecke zieht sich wie ein Zaun um einen schmalen Baum.

Von da aus teilt die Straße sich auf; einmal führt sie als Sackgasse hinab ins Unterdorf, wo der Reiterhof liegt und weiter unten die neue Biokläranlage. Und einmal führt sie den Berg hoch; vorbei am Ziegelsteinbau des ehemaligen Gemeindehauses, das jetzt am Wochenende einem Münchner Arzt als Praxis dient, vorbei an drei der vier Dorfteiche, schlägt eine schmale Kurve vor dem letzten großen Anwesen des Orts, dem einstigen Dorfcafé, in dessen Rosengarten eine Scheune zu einer Art Museum ausgebaut ist.

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Als Anfang der 2000er Jahre Fördermittel zur Verfügung standen, griff das Dorf zu. Heute wäre es schwierig, für einen solchen Straßenausbau Geld zu bekommen. Deshalb sind die meisten zufrieden über die damalige Entscheidung. Aber es gibt indiviudelle Abstufungen dieser Zufriedenheit. Die Straße ist der offensichtliche, der täglich genutzte Teil der Gemeinschaft, eine Notwendigkeit und gerade deshalb gibt es viele Meinungen dazu.

Weil die Straße seit dem Ausbau als Abkürzung benutzt wird, hat der Durchgangsverkehr zugenommen. »Jetzt ist ständig Betrieb«, sagen einige, und tatsächlich röhrt alle halbe Stunde ein Motorrad durch den Ort. Sonntags feuern radfahrende Eltern ihre radfahrenden Kinder beim Erklimmen der Steigung an, Wochenendausflügler, die der Georg-Kresse-Gedächtnis-Pfad hierher verschlagen hat. Die im Unterdorf stört der Verkehr nicht, den kriegen sie nur im oberen Dorf mit.

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Für die einen ist es tragisch, wenn ihre Zuchttauben auf die Straße flattern und dort totgefahren werden. Andere trauern den alten Wintern hinterher, als die Straße zur Schlittenbahn umfunktioniert wurde und die Kinder einmal durchs Dorf hinunter bis zum Feld rodeln konnten. Das ist heute nicht mehr möglich. Einige erzählen, dass früher oft der Schulbus nicht bis in den Ort hineinkam, weil die Straße in einem so schlechten Zustand war. Und dann ist da noch das Gemeindehaus, dessen Verkaufserlös seinen Teil zum Straßenbau beitrug. Kühdorf verlor einen Ort der Begegnung, was nicht wenige bedauern. Wenn Gemeinderatswahl ist, wird dafür das kleine Löschhaus am Teich ausgeräumt.

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Jeder, dessen Grundstück an die Straße anschließt – also alle im Ort – musste einen Teil der Kosten tragen. Die mit den großen Flächen mehr. Auch darüber gab es unterschiedliche Ansichten, Streit könnte man sagen, Kränkungen, falsche und richtige Berechnungen, Anwälte wurden eingeschaltet. »Jeder sieht immer nur das Schlechte«, hören wir an einer Stelle und das ist durchaus selbstkritisch gesagt, denn trotz aller Vorbehalte stellt niemand hier die Straße und deren Ausbau ernsthaft in Frage.

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Und wie mit den vielen Blicken auf die Straße ist es auch mit den vielen anderen Ansichten: Auf die Landwirtschaft und wie wirtschaftlich die Erträge sein müssen und ob das zum Besten des Dorfes ist, die Arbeit und wie die sich verändert hat und damit das Leben in den Familien, die offensichtlichen Verschiebungen in der Natur, das dörfliche Miteinander, die große Politik, die in den letzten Jahren Hinzugekommenen, von den einen Geflüchtete genannt, von anderen Neubürger, dann sarkastisch und verärgert in Anführungszeichen gesetzt.

Bevor wir all das in Erfahrungen bringen, bevor wir Kühdorf beschreiben können, braucht es ein Vorstellungsgespräch. Die Bürgermeisterin hat uns eingeladen. Vorab will sie uns und unsere Absichten kennenlernen. Das ist verständlich; sie muss das Dorf vor Unheil bewahren, sichergehen, dass kein Schaden durch unsere Worte entsteht. Denn jeder Ort hat Geschichten, die nur für die im Ort bestimmt sind.

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So sitzen wir in der Keramikwerkstatt von Angelika Kühn von Hintzenstern zwischen kantigen Gefäßskulpturen und Scheibenplastiken, bunten Booten und Vasen und sprechen über den kleinen Ort im Vogtland. Später laufen wir durch das Dorf. Angelika klopft an Tore und klingelt an Türen. So können wir auf Weiden und in Höfe treten, unterbrechen Abendessen und platzen in die Montagsrunde des selbsternannten Königreichs Kühdorfs, einem Treff in einer Garage. Fünfundzwanzig Häuser gibt es hier, am Ende des Rundgangs haben wir zehn Verabredungen.

Einige Wochen später kehren wir mit dem Gefühl zurück, Kühdorf schon zu kennen. Das ist natürlich Unsinn. Noch wissen wir nichts von Martin, der Bass in einer Johnny-Cash-Coverband spielt. Von Rolf, der früher Puten züchtete und später für einige Zeit in China Rostbratwürste herstellte. Dass das Heu von Herrn Gorniak in diesem heißen Sommer sehr gefragt ist. Wir wissen nicht, dass der größte der Kühdorfer Teiche im Herbst abgefischt wird und die Karpfen unter den Anwohnern verteilt werden.

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Wir wissen nicht von Oberdorf und Unterdorf und dass es durchaus von Bedeutung ist, wer wo wohnt und dass dem Mitteldorf die Rolle der Schweiz zukommt. Wir wissen nicht von der alten Tradition, dass beim Tod die Nachbarn das Grab ausheben und den Sarg tragen und nicht von der neuen Tradition, bei der Geburt eines Kindes einen Holzstorch vor den Hof zu stellen.

Wir wissen nicht, dass es Ende der 1990er einige Einbrüche gab und in dieser Zeit angeblich Autos mit rumänischen und polnischen Kennzeichen gesehen wurden, der folgenschwerste Diebstahl aber von welchen aus dem Nachbarort verübt wurde – sie klauten Waffen, mit denen sie Tage später eine Bank im nahen Sachsen überfielen.

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Wir wissen nicht, dass hier nach dem Krieg die Vertriebenen aufgenommen wurden und es doch verboten war, mit ihnen an einem Tisch zu sitzen und dass dann die Vorhänge zugezogen wurden und man eben doch gemeinsam aß. Wir wissen nicht, dass auf den Spitzen der Strommasten Stare nisten und dass es in diesem Jahr weniger Insekten gibt und damit Vögel, weshalb der Kirschbaum beim Spielplatz unzählige Früchte trägt.

Aber wir wissen, dass Kühdorf so ein bisschen wie das Asterixdorf ist; der letzte Ort der einstigen Verwaltungsgemeinschaft, der seine Eigenständigkeit bewahrt hat. Deshalb eine Bürgermeisterin, deshalb ein Gemeinderat und deshalb Verfügungsgewalt über ein kleines Budget.

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Die anderen umliegenden Dörfer sind nach und nach ausgetreten; aus finanziellen, bürokratischen oder persönlichen Gründen. Auch Kühdorf droht dieses Schicksal. Angelika Kühn von Hintzenstern trägt sich mit dem Gedanken, das Ehrenamt nach Ende ihrer Amtszeit aufzugeben. Und eine Bürgermeisterin, einen Bürgermeister braucht es für die Eigenständigkeit. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Niemand reißt sich um diesen Posten. Fehlende Zeit ist ein Problem und dass man als Bürgermeisterin zwangsläufig zwischen Fronten gerät – in dieser Rolle macht man sich nie nur beliebt.

Angelika Kühn von Hintzenstern hätte einen Wunschkandidaten: André, der als Polizist in Gera arbeitet und in mehreren Vereinen aktiv ist. Er hat eine ruhige, besonnene Art, genießt Vertrauen, ist einer, der differenziert und Verantwortung übernimmt. Nur Zeit hat er eben keine, der Dienst verlangt ihm viel ab. Dazu züchtet er mit großer Hingabe Tauben. Für den Bau eines neuen manngroßen Käfigs nimmt er sich einen Sommer, solide soll es gebaut sein, gut für die Tauben. Bürgermeister zu werden kann er sich nicht vorstellen.

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Im Dorf herrscht die Meinung vor, dass die Eigenständigkeit erhalten werden sollte. Doch ahnt jeder, dass es damit eng werden könnte.

Auf Höhe der beiden großen Teiche, etwa in der Mitte des Dorfes steht die Galerie Schulstube. Die Außenwände sind mit Efeu überwuchert, innen die Türen kaum höher als einen Meter sechzig. Früher wohnte der Ortslehrer hier. Gegenüber war die Pfarrei. Die Dorfchronik spricht von einer »Zwergpfarrei«. Sie war die Kleinste im damaligen Fürstentum und brachte ihre Stelleninhaber durch die dürftige Ausstattung immer wieder in große Not; mehrere Pfarrer gingen an den Kühdorfer Verhältnissen zugrunde.

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Bei einem Pfarrer wurden »Anzeichen unheilbarer Geistesverwirrung erkennbar, die eine baldige Unterbringung in einer Anstalt notwendig machte.« Über einen anderen heißt es gar: »Es waren fünf schwere Jahre und Prüfungsreiche Jahre, die endlich den Humor des Familienvaters besiegten, der zuletzt mit einem Blick der auf die Erde gerichtet war, einherging.« Viele Pfarrer und Lehrer verließen den Ort schnell wieder, weil die Bezahlung durch Pfünde erfolgte, Naturalien, die von den heimischen Bauern gestellt wurden. Und Kühdorf war ein armes Dorf. Da gab es nicht viel zu holen.

Heute lebt, in der ehemaligen Schule Angelika Kühn von Hintzenstern mit ihrem Mann. Wenn in der regionalen Presse über Kühdorf geschrieben wird – was gar nicht so selten geschieht – wird in vielen Fällen auch über sie geschrieben. Sie beide sind Künstler; Angelika mit ihrer Keramikwerkstatt und den vielen Ausstellungen, Matthias von Hintzenstern spielt Cello in einem Orchester, tourt regelmäßig durch die Welt und nahm als Teil des Ensemble für Intuitive Musik Weimar mit Karlheinz Stockhausen ein Album auf, den Zyklus »Für kommende Zeiten«.

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Am Abend führt uns Matthias zur Wehrkirche. Eine menschenhohe Mauer umgibt das Gelände mit Friedhof. Wurde das Dorf angegriffen, trieben die Bauern ihr Vieh hierher. Im Dachstuhl der Kirche ist der 36 Meter hohe Dachreiterturm verankert, was so sonst nur in Niederösterreich vorkommt. Eine Geschichte erzählt, der Konstrukteur habe damals die Kirche im Kleinen mit Strohhalmen nachgebaut, um sicher zu sein, dass die Statik auch hält.

Sie hielt. Seit mittlerweile dreihundert Jahren schon. Vor zwei Jahren wurde hier Kühdorfs 600-Jahr-Feier abgehalten; Schlüsselszenen der Dorfgeschichte, aufgeführt als Theaterstück mit einer von Matthias komponierten Soundinstallation. Die Kirche war voll, anders als bei den Gottesdiensten, die alle zwei Wochen stattfinden. Religion spielt keine große Rolle in Kühdorf.

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Im ersten Stock befindet sich eine Orgel, auf der uns Matthias ein Stück von Bach spielt. Einige Treppenstufen später zeigt er uns die jahrhundertealten Glocken. Darüber im Gebälk befindet sich die Kirchuhr. Jeden Abend kommt er hierher und zieht sie auf. Hundert Mal muss er kurbeln, bis die vierundzwanzig Stunden wieder voll sind. Ist er auswärts auf einem Konzert unterwegs und deshalb nicht in Kühdorf, hat der Ort keine Zeit.

Auf dem Friedhof bemerken wir drei Steine, in die dasselbe Datum graviert ist. Als wir im Ort danach fragen, werden die Stimmen leise. Die Worte fallen mit Bedacht. Ein Unfall vor fünfzehn Jahren, bei dem drei junge Männer – zwei aus Kühdorf, einer aus dem Nachbarort – ihr Leben verloren. An drei aufeinanderfolgenden Tagen Beerdigungen.

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Danach sei es eigentümlich still gewesen im Ort, niemand habe sich getraut, ein lautes Geräusch zu machen. Wir erfahren vom Hergang der Autofahrt und alle, mit denen wir sprechen, fragen sich, was wohl geschehen wäre, wenn… Und erzählen, wie sie davon erfahren haben. Wo sie sich befanden, woher sie die Verunglückten kannten; sie waren Spielkameraden, Nachbarsjungen, Freunde der eigenen Kinder, Kinder von Freunden.

Es gibt ein Foto aus den 1990er Jahren, das in der Dorfchronik geführt wird als »Faschingstour der Kühdorfer Kinder durch das Dorf«. Darauf stehen die Kinder auf dem Spielplatz zusammen, verkleidet als Fliegenpilze, Prinzessinnen und Piraten, eine Pippi Langstrumpf ist dabei, ein Käfer mit silbernen Flügeln, einer hat sich als Skelett eine Totenkopfmaske übers Gesicht gezogen. Sie halten Plastikbeutel in den Händen, die schwer von den gesammelten Süßigkeiten sind.

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Das Foto kommt uns in den Sinn, als wir die Geschichte und wie diese jeden hier in einem so kleinen Ort betrifft, hören. Eine große Traurigkeit liegt in den Worten, viel Schmerz, die Frage nach Schicksal und Weitermachen.

Früher hatte Kühdorf über hundert Einwohner, heute sind es sechsundsechzig. Vor dreißig Jahren war eine Zeit, in der viele Kinder auf die Welt kamen. Fast zwanzig Kinder unterschiedlichen Alters, die dennoch viel zusammen unternahmen. Damals gab es im Gemeindehaus den Verein Begegnungen, der sich am Nachmittag um die Kinder kümmerte; Keramikwerkstätten, Malunterricht, Ausflüge und Wanderungen, ein Chor. Als die Kinder älter wurden, löste sich der Verein auf.

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Auf der Dorfstraße sind nur selten Bewohner anzutreffen. Möglicherweise liegt das auch an den Vier-Seiten-Höfen. Die Mehrzahl der Wohnhäuser sind so gebaut; große Grundstücke, umgeben von schweren Toren und hohen Mauern, die das Innen vor dem Außen schützen. Schutzburgen. In nicht wenigen Haushalten leben drei Generationen, manchmal vier.

Immer wieder hören wir den Satz: »Früher war das Miteinander besser.« Das früher bezieht sich auf die Zeit, als der Ort noch bäuerlicher geprägt war, auch auf die Zeit vor der Wende. Wenn wir wissen wollen, was den Zusammenhalt ausgemacht hat und damals anders war, heißt es: das gemeinsame Feiern. Früher hatten die Bauern keinen Feierabend, kein Wochenende, keinen Urlaub. Wenn gefeiert wurde, dann feierte das gesamte Dorf.

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Heute ist das anders. Allein von der Landwirtschaft leben nur noch wenige. Die meisten arbeiten in den umliegenden Gemeinden, in Gera oder in Greiz. Es gibt ein Nach-der-Arbeit und da wird auf dem eigenen Grundstück gewerkelt. Gemeinsame Aktivitäten sind selten: der Frühjahrsputz, das Maifeuer, das Abfischen des Dorfteichs. Einen richtigen Ort fürs Zusammenkommen gibt es nicht: Das Gemeindehaus ist geschlossen, der Gemeinderat tagt in Angelikas Keramikwerkstatt. Erst kürzlich wurde am Teich eine Bank aufgestellt – die einzige öffentliche Sitzgelegenheit im Dorf.

Seit einigen Jahren gibt es einen Reiterhof in Kühdorf. Nicht alle im Ort finden das gut. Manche fragen, wie die neugebaute Halle in die Landschaft passt. Für Frau Drechsler ist es ein Traum, den sie verwirklicht hat. Sie führt den Betrieb. Zwei Kinder hat sie, Pauline, die Kleine, ist erst wenige Wochen alt. Die Großeltern sind extra hergezogen, um bei der Betreuung zu helfen. Ohne sie wäre Frau Drechsler die viele Arbeit auf dem Hof nicht möglich.

ZurFohlenschau sind Freunde der Familie in die Pferdehalle eingeladen. Sie sitzen an zwei langen Tischen und spekulieren über die bevorstehende Bewertung. Frau Oertel vom ehemaligen Landcafé hat Friesentorte gebacken. Auf einen Schokoladenkuchen ist mit Puderzucker ein Pferd gestäubt, vier Herzen, Sterne. Es gibt Kaffee und für die Kinder Orangensaft.

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Bei einer Fohlenschau werden die Jungtiere bewertet – zwischen fünfzehn und dreißig Punkte können sie erhalten. Alles ab vierundzwanzig ist eine gute Zahl, denn das berechtigt fürs Championship. Die Zahl ist wichtig, weil sich später die Käufer daran orientieren. Und damit die Preise bestimmen. Die Nervosität ist zu spüren; an der heutigen Bewertung hängt auch das wirtschaftliche Wohlergehen des Hofs. Ein Pferd kann einmal den Wert eines Kleinwagens haben.

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In den Ställen stehen die Stuten mit den Fohlen. Einige sind erst vor wenigen Wochen geboren. Die Kommission verspätet sich um eine Stunde. Man kennt sich, kurzes Geplänkel, dann wird Position bezogen. Der Bewerter geht in die Mitte des Führrings. Ein Freund der Familie führt Stute und Fohlen hinter die Absperrung. Die Fohlen sind nicht dressiert, sie folgen der Mutter und die Stute folgt dem führenden Menschen.

Der Freund läuft im Kreis, die Stute ihm nach, das Fohlen verliert immer mal wieder den Weg, schlägt aus. Frau Drechsler feuert den Freund an, wenn er außer Puste gerät: »Komm, mach schon Steffen, lauf.« Der Bewerter notiert währenddessen. Zwei Runden reichen ihm schon, bis er ein Urteil fällen kann. »Ein herrliches Gesicht« sagt er oder »In der Bewegung sehr aktiv und geschmeidig«. Dann verkündet er die Zahlen. Die Gräfin von Kühdorf erhält 25 Punkte, My Princes van’t Paradijs, ein Fohlen von Frau Drechslers Lieblingsstute sogar 26,5 Punkte.

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Man merkt, wie die Spannung von Frau Drechsler abfällt, die Begeisterung auf die Anwesenden übergeht. Der Nachmittag verläuft gut. Kleine Hefte liegen aus, in denen Informationen zu allen Tieren vermerkt sind. Wichtig ist die Herkunft der Elterntiere, besonders der männlichen. Bis in die vierte Generation lässt sich die Abstammung verfolgen und gibt so Anhaltspunkte über eine mögliche Leistungsstärke der Fohlen. Je ausgesuchter die Herkunft, desto glorreicher scheint die Zukunft.

Am Ortsausgang (oder je nach Perspektive am Ortseingang) treffen wir Herrn Oertel. Er trägt Jeans, ein weißes Leinenhemd, um den Hals ein buntes Dandytuch, dazu die Haare schulterlang. Eckhard stammt nicht aus Kühdorf. Er hat in eine Bauernfamilie geheiratet. Ein schweres Schicksal: Der Vater seiner Frau verlor im Krieg das Bein, betrieb den großen Hof unter Mühen und Schmerzen, die Mutter übernahm viele der Arbeiten. Dann beanspruchte der Staat das Land. Die Familie wollte den Hof nicht aufgeben. Am Ende setzte sich die LPG durch. Der Schmerz über die Enteignung des mit den eigenen Händen Aufgebauten ist noch heute zu spüren, die tragischen Spuren, die der Verlust in der Familie hinterlassen hat.

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Herr Oertel führt uns durch sein Museum; eine gewaltige Scheune, die mit Gegenständen des täglichen bäuerlichen Lebens aus den letzten zweihundert Jahren bis unter die Decke vollgestopft ist. Das ist keine Metapher; die Sachen türmen sich wortwörtlich meterhoch auf. Von den Balken hängen Dreiräder, durch die Kofferhäufen, Holzschränke und Verbotsschilder sind schmale Pfade geschlagen. Herr Oertel erklärt uns die Ordnung darin; hinten die Schulstube mit den Schautafeln, davor der gedeckte Bauerntisch, die Platte schwer vom Gewicht der Ausstellungsobjekte, die Bügeleisenabteilung, die zerbrochenen Grabsteine, das Spielzeug, Imkereizubehör, die alten Tierskelette.

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Als seine Tochter für ein Kunstprojekt mit dem Motorrad einmal durch Russland bis nach Amerika fuhr, besuchte er sie dort. Er interessiert sich für die Welt und macht sich viele Gedanken darüber. Mit weicher Stimme redet er von der Freiheit der Bauern. Ein Satz, der mehrmals fällt: »Hier sind wir König und Königin, Hofstaat und Narr in einem.« Das meint, dass er auf seinem eigenen Grundstück das Recht in Anspruch nimmt, selbst zu entscheiden. Und das sieht er, auch aus der schmerzhaften Erfahrung der Familie, bedroht; von staatlichen Strukturen, der Politik, der Gesellschaft an sich, die den Kontakt zur Natur verloren habe, dem Ursprünglichen.

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Er hat so viele Gedanken, dass er immer wieder Sätze abbricht, weil ihm ein neuer Gedanke kommt: von Jesus über Karl dem Großen über die GEZ, den Bauerngeneral Georg Kresse, Pestiziden, Überwachung durch Handys. Jede Einmischung von außen macht ihn argwöhnisch, viele Veränderungen zuerst einmal misstrauisch. Wenn es einen Vergleich braucht: Wir hören so viele Erklärungen wie es Ausstellungsgegenstände in der Scheune gibt.

Nachdem wir uns verabschiedet haben, geraten wir am Parkplatz in ein unerwartetes Gespräch. Oder besser, das Gespräch gerät an uns. Ein Mann döst in einem Lieferwagen, bemerkt uns, gesellt sich dazu und ergreift sofort das Wort. Er kommt nicht aus Kühdorf, aber aus Thüringen. Er ist zufällig hier, seine Haltung ist klar und bestimmt. Er spricht von Schmarotzern, die von außerhalb ins Land einfallen, Invasoren, die sich auf unsere, also deutsche Kosten bereichern, Arbeit sei für ihn Arbeit mit den Händen, alle anderen liegen auf der faulen Haut, gerade die Moslems würden Gehalt ohne Gegenleistung beziehen, die Politiker seien verlogen und feige, das System verrate das eigene Volk und sei korrupt, deshalb gehöre es geändert, zur Not eben radikal, Trump mache es richtig, der ziehe eine Mauer hoch, der schütze seine Leute, aber so was dürfe man heute nicht gutfinden, die Wahrheit dürfe man nicht mehr aussprechen, auch wegen der Studenten, die da in ihrer Blase in Jena oder Weimar leben, doch das sei nicht das wirkliche Leben, längst würde Krieg in Deutschland herrschen und wer das nicht sehe, sei ein Gutmensch und mache sich schuldig am Untergang des eigenen Volkes usw.

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Seine Worte trägt er ruhig vor. Für ihn ist die Sache, sind die Schuldigen klar. Längst hat er Antworten gefunden, letztlich eine einzige Antwort. Das Alphabet, das er bis zur Umvolkungstheorie in wenigen Minuten herunterrasselt, ist absolut, wer ihm widerspricht, ist ihm ein naiver Mensch, ein Schaf, das der Herde folgt.

Wenn man ihm genau zuhört, erzählt er von Verlust, vor allem von Ängsten. Neben den aktuellen, politischen Fragen sind es Themen, die uns konkret in Kühdorf begegnet sind: Die Veränderungen in der Natur, die Förderquoten der EU und wie sie die Landwirtschaft und damit die Natur beeinflussen, die veränderten Familiengefüge, die veränderte Arbeitswelt, ein tatsächlicher oder gefühlter Verlust des Miteinanders, wie einschneidend die Wende für viele ostdeutsche Biografien war, welche Kränkungen daraus entstanden sind, welche Vorurteile genährt.

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Nur haben wir das Gefühl, dass mit diesem Fremden aus Thüringen kein Gespräch mehr möglich ist. Da ist eine solche Härte in seinen Aussagen, eine Feindseligkeit, Kälte. Er gehört nicht zu Kühdorf und doch hören wir seine Stimme in vielen Dörfern. Immer lauter spricht er, seine Worte finden Zustimmung. Er ist keine Ausnahme mehr.

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Um das Bild vom Anfang wieder aufzugreifen: Alle, die an der Dorfstraße wohnen, mögen einen anderen Blick darauf haben. Aber sie stellen die Straße an sich nicht in Frage. Dieser Thüringer, dieser Kühdorfer Fremde tut das. Er möchte, dass diese Straße nur von einer bestimmten Gruppe von Leuten benutzt wird. Und er selbst möchte bestimmen, wer zu dieser Gruppe gehört. Und dann, ohne eine verbindende Straße wären da nur Häuser, das jedes für sich steht, keiner käme hin, keine käme fort.

Bevor wir fahren, übt die Feuerwehr. Nicht weil wir zufällig vor Ort sind, sondern weil ein eigenständiges Dorf eine funktionierende Feuerwehr zwingend braucht. Und so findet einmal im Monat ein Probedurchlauf statt. Die Schläuche sind lang, im Ernstfall würden sie jedes Haus im Ort erreichen. Die Feuerwehrleute positionieren sich auf der Ortsstraße. Wasser pumpt aus dem Teich, füllt die Schläuche und schießt als Fontäne in die Luft.

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In der Gischt spiegelt sich die Abendsonne und legt einen Filter über das Dorf. Verschwommen ist die Umgebung zu erkennen, unzählige Male bricht sich Licht, reflektiert, schimmert, glänzt, strahlt, erzeugt viele Bilder desselben Orts, während die Feuerwehrleute den Schlauch halten, gemeinsam, für das Dorf, ihren Heimatort, jeden ersten Montag im Monat.