Der Raps weiß nichts. Er weiß nichts von den Öllampen, für die er jahrhundertelang Brennstoff geliefert hat, von der Margarine, die aus ihm gemacht wurde, den Schmiermitteln für Maschinen. Er weiß nicht, dass ihm die ungießbare Erucasäure weggezüchtet wurde und dass der Stickstoff, mit dem er gedüngt wird, ein starkes Treibhausgas freisetzt, weiß nicht von seinem Status als wichtiger Bioenergieträger und dass Gerhard Richter ein zwei Meter großes Gemälde nach ihm benannt hat.

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Der Raps weiß nicht, wie schön er empfunden wird, hier in den Wiesen, an den Hängen der Eichsfeldischen Schweiz im Tal bei dem Dorf, der Himmel darüber weiß vor lauter Licht. Seine Anwesenheit legt ein gelbes Tuch wie einen Teppich auf die Landschaft – ein surreales, weil ideales Bild, viel zu idyllisch, um es als wirklich zu begreifen.

Der Raps weiß nichts von Jesus Christus, der hier ans Kreuz geschlagen ist. Ein Nagel durch die Füße getrieben, jeweils ein Nagel durch die Handgelenke. Blut läuft heraus, Blut tropft aus dem Herzen, um damit die Menschheit zu erretten. Auf seinem Kopf sitzt ein grüner Dornenkranz. Das Kreuz steht am Eingang des Ortes, umgeben von Blumenbeeten und kniehohen Zaunlatten. Bemerkenswert, wie drastisch der Glauben in ein Symbol übertragen ist. Gerade an diesem lieblichen Talhang fällt das besonders ins Auge: Neben den vier genagelten Kronblättern der Rapsblüten, unter der leuchtenden späten Aprilsonne ein sterbender Mensch. Einmal im Jahr versammeln sich die Einheimischen zum Kreuzjubiläum und verspeisen dabei Fettbrot mit sauren Gurken.

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Nein, der Raps weiß nichts von Eichstruth und das hier das Eichsfeld ist, dessen Namen ohne ch ausgesprochen wird, Eiksfeld, sagt man. Eichsfeld war einmal protestantisch, dann kam die Gegenreformation und seither ist es katholisch, so katholisch, dass der Papst bei seinem Deutschlandbesuch in Etzelsbach Station machte, fünfundzwanzig Kilometer nur entfernt eine marianische Vesper für fast hunderttausend Pilgerinnen.

Wir fahren nach Eichstruth, um das der Raps alle zwei Jahre einen strahlenden Gürtel schließt. Und wie der Raps wissen wir nichts: Wer hier wohnt und wie, was für Geschichten passiert sind, wer leidet und wer seinen Frieden gefunden hat. Eichstruth ist die flächenkleinste Gemeinde Thüringens. Sie liegt im Nordwesten des Landes, nahe der Grenzen zu Hessen und Niedersachsen. Das Eichsfelder Land ist eine typische Mittelgebirgslandschaft mit vielen Wäldern. Die kleinen Dörfer darin wirken wie hineingetupft.

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Von Dieterode aus geht es holprig hinab nach Eichstruth. Die ersten Anwesen, Fachwerk, Bauernhöfe, die Haustüren nicht immer abgeschlossen, die Garagentore hochgekurbelt, in Gärten das Gras sorgsam geschnitten. Neben der Straße bilden massive Steinsäulen die Stationen des Kreuzweges nach. Kein einziges Haus steht leer. Wenige hundert Meter weiter bei der Kirche schlägt die Dorfstraße einen ersten Bogen, kurz nach der Bushaltestelle einen zweiten und dann ist Eichstruth auch schon vorbei.

Der Blütenstaub des Raps legt sich auf die Kleidung der Kinder, die neben dem Friedhof spielen. Das Dorf ist ein Ort von Kindern. Neun sind jünger als sechs Jahre. Die Kinder von Eichstruth gehen in die Tagesstätte des Nachbarorts. Für jeden Platz bezahlt die Gemeinde vierhundert Euro Umlage im Monat. Viel Geld für einen Ort, in dem es keine Firma gibt, keinen Handwerksbetrieb, keine Gaststätte und deshalb kaum Einnahmen. Spielraum bleibt da wenig.

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Das Dorf lebt am finanziellen Limit. Würde es sich mehr leisten wollen, müsste es zwingend die Grundsteuer anheben. Oder in Zwangsverwaltung gehen. So freuen sich die Eichstrüther über jedes Kind. Und wissen doch, dass jedes Kind mehr weniger Gestaltungsmöglichkeit für die Gemeinde lässt. Dabei ist es gerade der Nachwuchs, der das Fortbestehen eines Ortes ermöglicht. Dieses absurde Dilemma kennen viele kleine Orte.

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Nancy Riethmüller, die drei Kinder hat, ist die Bürgermeisterin des Ortes. Seit zwei Jahren ist sie in dieser Funktion und das, weil der ohne Kandidatur gewählte Kandidat das Amt nicht antrat. Sie nahm die Aufgabe an. Seither vertritt sie die Angelegenheiten Eichstruths auf den Treffen mit den anderen Bürgermeistern der Verwaltungsgemeinschaft, leitet den Gemeinderat, repräsentiert auf öffentlichen Veranstaltungen. Bürgermeisterin ist ein Ehrenamt, sie arbeitet in Heilbad Heiligenstadt als Zahnarzthelferin. Sie habe lernen müssen, das Amt auszufüllen, sie lerne immer noch, sagt Nancy und dass ihre Wurzeln in Eichstruth seien. »Ich bin gern in der Großstadt. Nach einer Weile machen mich die Geräusche dort wahnsinnig. Hier sind die Vögel und kaum Autos. Was anderen Angst macht, ist für mich schön.«

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Als wir unser Kommen ankündigten, bot sie uns ihr Haus als Unterkunft an. Zum Frühstück stellt sie Wurst und Käse hin, eine Flasche Sekt dazu und sechs Eier aus dem eigenen Stall. Sie ist die kommenden Tage oft an unserer Seite. Gemeinsam laufen wir durch Eichstruth und wem wir begegnen, mit dem macht sie uns bekannt, öffnet so Türen. Bald kennen wir die meisten mit Namen und sie kennen unsere.

Zuerst gehen wir zum Gemeindehaus. Die Eichstrüther haben es selbst ausgebaut. Die Jungen haben aus Europaletten Möbel getischlert und mit den Kronkorken all der getrunkenen Biere Eichstruths Namen an die schrägen Wände geklebt. Mittwochs spielen die Männer unten Tischtennis, die Frauen machen oben im ehemaligen Jugendzimmer Yoga. Im großen Saal hängen gerahmte Fotos vergangener Ereignisse. Wie eine Art Dorfchronik sind die Bilder von den Umzügen und Baustellen und den Festen, vor allen den Festen; den Sportfesten und Kreuzjubiläen, den Kirmessen und Wanderungen, den Wintervergnügen und Adventsmärkten, den Osterfeuern und fetten Donnerstagen, wenn die Frauen mit Hackfleisch gefüllte Schweinemägen mitbringen und Blechkuchen dazu.

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Sitzen die Feiernden im Gemeindehaus zusammen, schauen sie auch auf den Friedhof. Manche aus dem Dorf kommen zwei Mal am Tag zu den Gräbern, um Blumen zu gießen und über die glattpolierten Steine zu wischen. In der unteren Reihe liegen die vier Sternenkinder des Ortes. Dahinter am Zaun steht eine große Jesusfigur, daneben ein Denkmal für die Kriegsgefallenen. Die wurde erst vor wenigen Jahren errichtet, das Dorf hat dafür Geld gesammelt. Man weiß, wessen Mutter oder Vater es schlecht geht, wer im Sterben liegt. Zu den Beerdigungen kommen selbst die, die sich sonst aus dem Dorfleben raushalten.

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Zwei Frauen tragen Blumen zur Kirche. Jede im Dorf hat mal Blumendienst und bringt dann Blumen aus dem eigenen Garten mit oder Topfpflanzen und zur Weihnachtszeit einen Adventskranz. In der Fastenzeit bleibt die Kirche blumenlos, schlicht solle sie aussehen, hat der Pfarrer gesagt. Vor fünfundzwanzig Jahren brannte das Gotteshaus. Eben neu renoviert, schlug nachts der Blitz in die Elektronik ein. Ein Schwelbrand, die Temperatur so hoch, dass Gemäldefarben wie Wachs tropften. Die Orgelpfeifen platzten mit lautem Krachen. Die heimische Feuerwehr besitzt keine Ausrüstung zum Löschen. Ihr blieb nichts übrig, als das Gelände zu sichern und ein Übergreifen der Flammen auf die Nachbarhäuser zu verhindern.

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Bald nach dem Brand stand die Kirche wieder, renoviert von den Spenden der Bewohner. Sonntags ist Messe, jeder hat seine feste Sitzreihe. Früher war es undenkbar, dass Katholiken Protestanten heiraten. Der Pfarrer war der angesehenste Mann im Dorf. Er war geweiht, ihn grüßte man auf der Straße mit »Gelobt sei Jesus Christus«. Religion hatte einmal dominanten Zugriff auf nahezu alle Bereiche des Lebens.

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Das hat sich geändert. In Politik und Bildung, dem Gemeinwesen und der Wirtschaft spielen religiöse Fragen keine übergeordnete Rolle mehr. Im Eichsfeld ist das auch so und doch ein bisschen anders. Heute heiraten Katholiken auch Atheistinnen. Wie in vielen anderen Gegenden ist die Kirche nicht mehr so voll. Aber sonntags und montags ist weiterhin Messe und man wählt mehrheitlich die CDU und in der Grotte neben der Kirche sind immer Kerzen entzündet, die die Marienfigur beleuchten. Manche kommen in der Nacht, um hier zu beten und zu bitten.

Eichstruth liegt an der Märchenstraße, was bedeutet, für ein aufgestelltes Schild hundert Euro im Jahr an den Verein Deutsche Märchenstraße e.V. zu zahlen. Darüber hinaus gibt es hier keine Sehenswürdigkeit, keinen Grund für Auswärtige im Ort zu halten. Nebenan in Dieterode stehen zwei Gasthäuser, eines davon ein französischer Gourmettempel, in dem man für einen guten Abend einen dreistelligen Betrag auf den Tisch legt. Die Gäste kommen aus Hessen, aus Niedersachsen, mit großen Autos fahren sie vor, um getrüffelte Gänseleber zu goutieren.

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Nach Eichstruth verschlägt es nur selten jemanden. Wenn es wenigstens Wanderwege gäbe, sagen sie. Ein Wegewart könnte sich um leicht zu begehende Routen kümmern. Doch das scheitert auch an den Eigentümern privater Grundstücke. Und über manche der wenigen gangbaren Wege wird das Vieh zur Tränke getrieben, was den Boden zerstört.

Wir treffen Helmut. Bauer ist er und das war schon immer klar. Von seinem Vater übernahm er den Hof. Später ging er notgedrungen zur LPG. Die war einige Dörfer weiter in der Ortschaft Rüstungen. Mit dem Lada ging es am Morgen dahin, es gab ein festes Einkommen, einigermaßen geregelte Arbeitszeiten, sogar Urlaub war vorgesehen, für Bauern sonst unmöglich. Nach der Wende, Helmut war vierundfünfzig, machte er sich noch mal selbstständig als Viehbauer.

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In der Abendsonne wollen wir mit Helmut Fotos an einem Ort machen, der ihm wichtig ist. Er geht zu einer seiner Weiden zu einer seiner Kuhherden. Allerdings grast diese nicht nah genug am Zaun. Helmut legt ein Taschentuch auf den Draht, unterbricht so den Stromfluss, drückt den Draht nach unten und steigt darüber. Er klatscht in die Hände und brüllt: »Komm her, komm her.« Damit will er die Kühe zusammentreiben. Doch die laufen erst einmal weg.

Durch Rinder kommen in Deutschland jedes Jahr mehrere Menschen zu Tode. Die gefährlichen sind nicht die Bullen, sondern die Muttertiere. Sie verteidigen ihre Jungen. Wenn Helmut nach der Geburt die Ohrenmarke einsetzen will, wartet er, bis die Kälber nahe des Zauns sind. Oder er fährt den Trecker zwischen die Herde und benutzt ihn bei Gefahr als Rettungsinsel.

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Nach wenigen Minuten stehen die Kühe doch in Kamerareichweite, Helmut hat sie mit Rufen, Händeklatschen und Stock dahin getrieben. Es sind Mutterkühe mit ihren Kälbern. Der Bulle wird jedes Jahr ausgewechselt, um den Genpool variabel zu halten. Die Kühe sind Masttiere, die Kälber werden nach einigen Monaten in eine bayerische Anlage verkauft. Früher hat Helmut selbst geschlachtet. Aber Kälber, sagt er, Kälber habe er nie töten können. Den Werdegang der verkauften Tiere verfolgt er mithilfe der Nummer auf der Ohrenmarke. Er ärgert sich, wenn seine Tiere nach Ägypten verkauft werden. Wie die dort getötet werden, sagt er, geschächtet, das sei unmenschlich.

Vom Nachbargrundstück hat Dirk, Nancys Mann, zugesehen. Er lädt uns auf eine Bratwurst ein. Bratwurstessen ist hier ein Dauerzustand. Paul, sein Sohn, bringt dazu Bier, Wasser und Sekt. Wie allen Kindern und Jugendlichen sind für ihn die Nachbarn Onkel und Tante. Helmut ist also Onkel Helmut. Im Garten der Bürgermeisterin sitzen wir zusammen, schneiden Brötchen auf, spritzen Ketchup und mittelscharfen Bornsenf auf die aus Hausschlachtung stammende Wurst und reden über den Zusammenhalt im Dorf.

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Helmut erzählt, dass Eichstruth eine Du-Zone sei. Hier werde sich gedutzt, in einigen Nachbarorten dagegen gesiezt. Wir reden über die Gebietsreform, durch die Eichstruth mehr als nur den Namen verlieren könnte. Die Mehrheit der Bewohner ist gegen die Reform. Doch ist den meisten bewusst, dass Änderungen unweigerlich kommen werden. So eine kleine Verwaltungseinheit wird sich nicht halten lassen; die Finanzen, Druck von außen, aber auch von innen, denn Selbstverwaltung bedeutet, viel selbst zu machen.

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Aber wie soll eine solche Zukunft aussehen? Die Befürchtung ist, dass mit der Selbstbestimmung auch ein Teil der Identität verschwinden könnte. Und wenn diese ginge, verlöre sich dann auch der Zusammenhalt? Die Nacht kommt, nebenan, beim Nachbarn mit der großen Schalke-Fahne im Garten springt die blau-weiße Außenbeleuchtung an.

Am nächsten Morgen kurz nach sieben fährt hupend das Bäckerauto in Eichstruth ein. Eine Viertelstunde später folgt ein zweites. In der Woche kommt Lemke, der rollende Supermarkt. Dazu der Fleischerwagen. Wer will, dem werden die Brötchen im Beutel an die Tür gehangen. Da ist die Geschichte des Eichstrüthers, der sich immer ein Weißbrot ins Haus bringen ließ und dabei mit dem Bäcker plauderte, um so Neues aus der Welt zu erfahen. Nach dem Tod des Manns wurden in dessen Tiefkühlfach zwanzig eingefrorene Brote gefunden.

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Samstag Morgen ist auch Kehrtag. Die Straßen werden geputzt. Paul spritzt mit einem Wasserschlauch Gehweg und Asphalt vor dem Haus sauber, nimmt den Besen zur Hand, zupft Unkraut. Vierzig Minuten ist er damit beschäftigt. Er macht das gründlich und schaut dabei kein einziges Mal auf die Uhr. Nach und nach tropfen die Bewohner aus den Häusern, ebenfalls mit Besen in den Händen, andere mit wirkungsvollen Abflammgeräten. Sie kehren vor der Kirche, klettern auf die Grotte, um dort zu putzen, säubern ihre Balkons. Selten passiert in Eichstruth so viel wie an einem Samstag Morgen.

Mittags sind wir mit der Feuerwehr verabredet. Jede Gemeinde ist verpflichtet, einen Feuerschutz zu gewährleisten; kann sie diesen nicht selbst stellen, muss sie mit der Wehr des Nachbarorts einen Vertrag aushandeln. Die Eichstrüther besitzen kein eigenes Löschfahrzeug. Bricht wie beim Kirchenbrand von 1992 ein Feuer aus, können sie den Brandort absichern, Menschenleben geht vor Eigentum. Mehr ist ihnen nicht erlaubt.

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Heute steht im Nachbarort Röhrig ein Wettkampf der Freiwilligen Feuerwehren aus der VG, der Verwaltungsgemeinschaft, an. Einmal im Jahr findet dieser statt. Nur vier Wehren nehmen teil. Eichstruth bringt als kleinstes Dorf die meisten Zuschauer mit. Vor der Röhriger Kirche ist ein Getränkewagen aufgebaut. Auf dem Grill liegen Bratwürste und Steaks, aus den Boxen schallt Haddaway. Junge Männer tragen Holzbretter, in die trinkbechergroße Löcher gebohrt sind. Das Biermeter. Ein Meter Bier bedeutet elf Becher Bier – für zehn wird gezahlt. Damit geht es zur eigenen Truppe, denn die Wehren aus den Orten stehen für sich. Doch immer wieder gibt es Kontaktaufnahmen; ein kurzes Gespräch, ein Flirt am Bratwurststand, ein Schulterklopfen stellt den Informationsfluss zwischen den Ortschaften sicher.

Nachdem der Nachwuchs gegeneinander angetreten ist, sind die Großen dran. Im Wettkampf sollen die Männer Schläuche legen, um leere Plastikflaschen wegzuspritzen. Die Wettkampfleitung vergibt Strafpunkte für falsche oder vergessene Kommandos wie Wasser Marsch oder Wasser Stopp. Ein solcher Durchlauf dauert kaum länger als zwei Minuten. Danach stehen die Wehren und ihre Begleiterinnen wieder zusammen.

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Gemeinsam rekapitulieren sie das Geschehene. Sie trinken weitere Meter Bier, holen Pommes für die Kinder, warten auf die Siegerehrung. Viele Stunden verstreichen so an diesem heißen Samstag. Alles Warten, alle Vorbereitung kulminiert in den 120 Sekunden des Schlauchlegens. Die Eichstrüther haben nur selten im Jahr die Gelegenheit zum Üben. Vielleicht geht es genau darum: trotz geringer Vorbereitung für den Moment, auf den es ankommt, also den Brand, gerüstet zu sein. Wenn im Ort ein Haus brennt, gibt es auch keinen zweiten Durchlauf. Dann muss alles wie am Schnürchen klappen.

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Gegen fünf Uhr ist Preisverleihung. Für die Gewinner wird »We are the champions« gespielt, die mitangereisten Frauen und älteren Männer skandieren »So sehen Sieger aus, schalalalala«. Erinnerungsfotos mit Pokal in den Händen werden geschossen, halb ironisch, weil allen klar ist, dass hier keine Weltmeisterschaft gewonnen wurde. Aber eben auch im Ernst, weil es von Bedeutung ist; das Foto, der Pokal, der Augenblick, die Mühe für die freiwillige, die ehrenamtliche Leistung, der Stolz, auch der süße Triumph, die Nachbarorte geschlagen zu haben.

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Der Moderator spricht von einem feucht-fröhlichen Abend, der sicherlich folgen werde. Zu den bisher gezapften Metern Bier werden weitere kommen, so viel ist klar. Die Eichstrüther sind Vierter von vier geworden, drei vergessene Kommandos haben die Zeit fast verdoppelt. Die Enttäuschung ist groß. Wenigstens unter die ersten Drei wären sie gern gekommen. Schnell wird die Rückfahrt angetreten.

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Eigentlich steht am Abend die Kirmes im Nachbarort auf dem Plan. Die in Dieterode ist besonders beliebt. Früher kamen bis zu tausend Gäste. Mittlerweile sind die Zelte kleiner geworden. Kirmes ist die Kirchweihfeier. In Eichstruth wird sie zweimal im Jahr gefeiert; einmal im Juli, zum Jahrestag der Wiedereröffnung der Kirche, und im November zum Patronat, dem Namenstag. Da Eichstruth keinen speziellen Schutzheiligen hat, wird nach Allerheiligen gefeiert. Zur Kirmes wird zuerst am Denkmal für die Kriegsgefallenen ein Kranz niedergelegt. Danach zieht eine Blaskapelle durchs Dorf und schließlich wird gegessen und getrunken.

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Der Erfolg einer Kirmes steht und fällt auch mit der Qualität der Kapelle. Die Eichstrüther versuchen dafür Sponsorengeld zu gewinnen, mehrheitlich Handwerksbetriebe, die in den letzten Jahren hier arbeiteten und nun zwanzig oder mehr Euro geben. Zwei Mal Kirmes im Jahr ist nicht selbstverständlich, die Hessendörfer machen nur alle Jubeljahre eine.

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Nach dem Wettkampf in Röhrig hat erst einmal niemand Lust auf Feiern in der Fremde. Die Enttäuschten treffen sich am neuen Dorfanger. Dort sind die Bänke im Kreis angeordnet. So sieht man sich beim Zusammensitzen in die Gesichter; die Feuerwehrjungs sind da, ein paar Ältere, Nancy, ihre Tochter mit Freund, Mitglieder aus dem Gemeinderat, die vorherige Bürgermeisterin. Ein Kasten Bier wird gebracht und ein weiteres Mal der Wettkampf besprochen.

Am neuen Anger steht eine junge Eiche. Drei Eichen hatten sie hier gepflanzt, alle drei gingen ein. Bei der Bodenprobe stellte sich heraus, dass der Grund mit Öl verseucht war. Fast zwei Meter tief hoben die Eichstrüther Erde aus und ersetzten sie mit gutem, sauberen Boden. Nun wächst die vierte Eiche, fast wirft sie schon einen Schatten.

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In diesem Schatten sprechen sie über die Neuaufteilung der Feuerwehrkleidung. Sie sprechen über die Scheune neben dem Anger. Diese droht einzustürzen. Weil das Gebäude in Privatbesitz ist, kann man da nichts machen. Drinnen sind die Stromkabel nicht sauber verlegt. Die Eichstrüther rechnen in absehbarer Zeit mit einem Brand und überlegen, was sie in einem solchen Fall tun werden. Sie sprechen über das Gemeindehaus. Gern würden sie darin eine Wohnung ausbauen, die vermietet dem Ort zusätzliche Einnahmen bringen würde. Wieder geht es um die Gebietsreform, das Für-und Wider der Angliederung an Uder; möglicherweise mehr Geld zur Verfügung, aber dafür wenig Kontrolle darüber, wie es eingesetzt werden könnte.

Das Sitzen am Anger ist wie ein öffentlicher Ortschaftsrat, in dem inoffiziell die drängenden Fragen des Dorfs besprochen werden. Jeder kann daran teilnehmen. Man muss sich nur dazusetzen und den Mund aufmachen und in den vergangenen Jahren bewiesen haben, dass die eigene Meinung Hand und Fuß hat.

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Wir werfen im Scherz die Frage in die Runde, was Eichstruth mit 120 Millionen Euro machen würde. Kurzes Überlegen. Dann sagt Stefan, der Brandwart, dass er alles so lassen würde. Nur ersetzen würde er, vom Einfachsten das Beste nehmen. Jemand würde die Scheune abreißen. Eine würde die südliche Zufahrtsstraße ausbessern. Und die Ehrenamtler bezahlen, das würden sie alle wollen.

Vielleicht ist es so, dass sich ein feines Netz von Gefälligkeiten um die Belange des Orts spannt – ein Geben und Nehmen, das sich nur unter Mühen übergehen lässt. Die mit der Holzgerechtigkeit vertrauen den Jägern und lassen ihnen weitestgehend freie Hand bei den Abschussquoten. Dafür bringen die Jäger Wildbrett zu den Dorffesten und spenden einen Teil ihrer Einnahmen. Handwerksbetriebe sponsern die Kirmes, dafür steigt die Wahrscheinlichkeit, einen nächsten Auftrag zu erhalten. Die Bewohner kehren unentgeltlich die Straße, kümmern sich um Blumen und Reparaturen im Ort. Im Gegenzug gibt es die Feste, das Zusammensitzen, das Einbringen der Meinung, das Gehörtwerden.

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Es ist kein offenbarer Filz, keine selbstsüchtige Vorteilsnahme. Da ist ein über Jahrzehnte gepflegtes und gewachsenes gegenseitiges Vergewissern, dass man einander im Wesentlichen vertrauen kann, möglicherweise muss, weil man letztlich aufeinander angewiesen ist. Man wohnt ja nebeneinander. Deshalb die enge Einbindung, die unausgesprochenen Regeln und Belohnungen, kleine Pflichten und das Entgegenkommen, trotz Konflikten und unterschiedlicher Interessen auch immer das Interesse am Ort.

DiESe Gemeinschaft bedeutet: Nähe. Pflege. Sauberkeit. Verantwortung für die Umwelt. Sie bedeutet auch: Etwas aufgeben. Einen Teil der eigenen Identität verlieren. Das Individuum muss sich zurücknehmen. Es kann Samstag am Vormittag eben nicht in einem Buch lesen oder stricken. Es muss kehren. Dafür sind die Straßen sauber. Dafür gehört der Samstag nicht einem selbst, denn aufs Kehren zu verzichten ist keine Option.

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Für die Zugezogenen, sei es aus größeren Städten oder dem Nachbarort, bedeutet es das Zurücklassen von Heimat und sich in diese kleine Gemeinschaft einzuordnen. Für manche auch schmerzhaft unterzuordnen. Jeder wird verortet und letztlich auch verantwortlich gemacht für seine Taten oder Nichttaten. Wer nie am Blumendienst teilnimmt oder nicht in der Feuerwehr ist, kann an einem lauen Samstagabend eben nicht bei Bier zusammensitzen und über die Dorfangelegenheiten sprechen. Die Gemeinschaft gibt es nur ganz oder gar nicht.

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Wer hier wohnt, lebt in der Stille. Die Kinder bauen im Wald Baumhäuser. Einmal die Woche kommt ein Musiklehrer zum Unterricht her. Theater, Kino, andere Veranstaltungen außer Kirmes finden nicht statt, auch nicht in der Umgebung. Wer hier wohnt, wohnt in einem großen Haus, fährt auf schmalen Straßen siebzig Kilometer nach Eisenach ins Werk. Und wer das tut, gerade von den Jüngeren, der tut es freien Stücken. Der sitzt jeden Wochentag zwei Stunden im Auto, um abends wieder in Eichstruth zu sein. Der nimmt mit dem Schichtdienst auswärts in Kauf, nicht jedes Wochenende mit der Familie verbringen zu können. Aber die Familie kann dafür in Eichstruth wohnen.

Keiner ist hier allein ist ein Satz, der für den einen die Erfüllung einer Sehnsucht bedeutet und der anderen Angst einjagt. Keine ist hier allein bedeutet, dass sich immer jemand findet, der einem Lebensmittel aus der Stadt mitbringt. Der einem den Rasen mäht, wenn man das selbst nicht kann. Dass immer jemand auf die Kinder aufpassen wird. Es bedeutet, dass bei denen, die keine Familie mehr haben, Leute aus dem Dorf am Sterbebett sitzen und die letzten Tage begleiten.

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Keiner ist hier allein bedeutet, dass wenig geheim ist. Dass die eigenen Schritte vom Ort gesehen werden. Es nur schwer möglich ist, sich den Anforderungen des Miteinanderseins dauerhaft zu entziehen. Es kaum eine Alternative dazu gibt; keinen zweiten Verein, keinen zweiten Personenkreis, dass viel vom Privaten zum Gemeingut wird. Jeder und jede wird den Satz Keine ist hier allein zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich empfinden; mal als Verheißung, mal als Gefängnis.

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Als wir Eichstruth am Abend nach einigen Umarmungen verlassen, fällt auf den Raps noch schwach das letzte Licht des Tages. Wenn auch weniger intensiv leuchtet er und weiterhin scheint dieses Bild unwirklich, diese Idylle. Wir schauen auf die Windschutzscheibe unseres Autos, auf unsere Schuhe, die Hosen und Jacken – überall ist der Rapsstaub, dort als verschmierte Punkte, ist reizend und anstrengend zugleich.

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Nachtrag: Am selben Wochenende werden zwei Dörfer weiter in Fretterode zwei Journalisten, die über den dort ansässigen Thüringer NPD-Landesvorsitzenden und Inhaber eines Versands für rechtsextreme Musik recherchieren, durch Eichsfelder Ortschaften gejagt, verprügelt und ihre Fotoausrüstung und Auto zerstört. Davon erfahren wir erst einige Tage später.
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Eichstruth Momente | Yvonne Andrä