Angenommen, in Jena Lobeda steht ein Hochhaus: elf Stockwerke, jeweils vier Wohnungen pro Etage, drei Mieter in jeder Wohnung. Macht 132 Bewohner. Und damit vier Mal so viele wie Menschen in Kleinbockedra leben. Vier Mal würde das Dorf mit all seinen Geschichten und komplexen Beziehungen in ein solches Gebäude passen. Oder drei Mal in ein gut besetztes Zugabteil. Oder zwei Mal in die Menschenschlange vor der Post in der Adventszeit.

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Kleinbockedra ist mit offiziell 37 Einwohnern, inoffiziell 34 Einwohnern nicht nur die kleinste eigenständige Gemeinde in Thüringen, sondern in ganz Ostdeutschland. Wenn wir also Einsichten in das Leben in kleinen Orten erlangen wollen, dann hier.

Anfang September sind wir zum ersten Mal in Kleinbockedra. Der Sommer ist noch allgegenwärtig, der Himmel strahlend blau, wie schon die letzten Monate brennt heiß die Sonne – schlechtes Wetter für die Landwirtschaft, bestes Wetter für einnehmende Fotos, die wir möglicherweise nicht bekämen, würden wir später im Jahr fahren.

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In Großbockedra biegen wir an einer leicht zu übersehenden Kreuzung ab, fahren etwa fünfhundert Meter eine bucklige Straße entlang und stoßen bald auf ein Ortseingangsschild, das einzige, weil einen Weg hinaus gibt es nicht. Das Erste am Dorf ist der Friedhof. Gepflegt und gegossen, Gießkannen stehen bereit, für organische Abfälle ein kleiner grüner Korb.

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Nach der Kurve kommen die ersten Häuser, auf einem trockengelegten Teich ein Spielplatz, dahinter eine Kreuzung. Gleich nach dem Bushaltestellenhäuschen geht die Straße in eine Art Asphaltfeld über, eine Wendeschleife, ein Parkplatz, ein ovales Endstück – wie immer man es nennen will. In seiner Form scheint dieser Platz an ein umgekehrtes Panopticon zu erinnern.

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Ein Panopticon ist ein Gedankenexperiment der Philosophen Jeremy Bentham und Michel Foucault: Was, wenn ein Ort existiert, von dem aus sich theoretisch alle anderen Orte einsehen ließen? Würde das die Bewohner der Orte nicht automatisch anders handeln lassen, weil sie glauben müssen, ständig unter Beobachtung zu stehen? Nur wäre das hier andersrum: Von allen Orten des Dorfes lässt sich dieses Asphaltfeld besehen. Wer auf dieser breiten Straße steht, der muss das Gefühl haben, von Häusern und sich beiseiteschiebenden Vorhängen umgeben zu sein, von Blicken, die ihn vermessen.

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So oder so: Es ist wirkt unheimlich. Hoftore sind geschlossen, die schweigenden Fassaden nehmen einen Großteil des Runds ein. An diesem ersten Tag in Kleinbockedra wagen wir uns nur bis zur Haltestelle vor. Wir meiden das Ende der Straße und damit die vermeintlichen Urteile und verschwinden rasch wieder. Der kleinste Ort bleibt uns verschlossen.

Ende Oktober kehren wir zurück. Die Entscheidung, Fotos bei gutem Wetter gemacht zu haben, stellt sich als richtig heraus. Nun herrscht der ungemütliche Herbst, fast ist grauer November. Der Wind geht schroff, in der Luft hängt die Nässe wie in einer alten Waschanlage. Wieder biegen wir in Großbockedra ab, wieder parken wir neben dem Friedhof. Was uns diesmal auffällt: Von hier aus hat man einen weiten Blick ins Land.

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Durch die weißen Zäune der Koppel bekommt die Gegend etwas westernhaftes. Die Felder sind leer, aber nicht karg. Eindrucksvoll erheben sich einzelne Bäume über die Einsamkeit. Wir schnappen uns Fotoapparat und Notizblock und wissen: Diesmal werden wir uns ins Dorf hineinbegeben.

Gleich am ersten Haus nach dem Friedhof ergibt sich ein Gespräch. Eine Schwester des Besitzers ist mit Gartenarbeit beschäftigt. Sie erzählt, wie sie und ihre vielen Geschwister einmal hier wohnten, wie es überhaupt früher viele Kinder im Ort gab, anders als heute. Es ist eine Geschichte, die auch in anderen Dörfern erzählt wird.

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An der Bushaltestelle werden wir erwartet. Guido, der im Gemeinderat sitzt, und Ingo, der stellvertretende Bürgermeister ist, haben uns nach Kleinbockedra eingeladen. Später stößt noch Lars, der Bürgermeister hinzu. Zusammen begehen wir den Ort. Nein, eigentlich bewegen wir uns kaum, weil dort, wo wir stehen, das Wichtige zu sehen ist. Jedes Haus liegt am Rand und zugleich mittendrin, jede Grenze hier ist dem Zentrum sehr nah.

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Schon nach wenigen Minuten kommt das Gespräch auf die Dorfstraße. Die ist zwar von geringer Länge, aber Anlass für einen Zwist, der das Dorf entzweit hat. Es geht darum, wer wann welchen Anteil zahlen soll und ob das gerecht ist. Ein Teil der Straße wurde schon saniert. Dafür bezahlten alle, auch die, deren Haus nicht an diesem Teilstück lag.

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Darüber gab es unterschiedliche Meinungen, Diskussionen, Zank, die langjährige Bürgermeisterin wurde abgewählt. Und da sich von jedem Haus auf so gut wie jedes Haus im Dorf schauen lässt, liegt dieser Zank vor jeder Tür. Und das ständig. Für niemanden eine einfache Situation.

Meist versuchen wir die Dörfer an Tagen zu besuchen, an denen dort etwas öffentlich passiert. Dann kommen die Bewohner zusammen, wir können reden, die Stimmung ist gelöst. Es gibt den Menschen als Individuum, der hinter seinem Hofttor ein selbstbestimmtes Leben führt, so, wie er und sie das für richtig halten. Und es gibt dieses Individuum, das zwangsläufig vor das Tor treten und sich anderen Individuen gegenüber verhalten muss. Erst so entsteht eine Gesellschaft. Beide Zustände der Bewohner – vor und hinter der Mauer, als Einzelwesen und als Teil einer Gemeinschaft – machen ein Dorf aus. Und beides wollen wir kennenlernen.

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In Kleinbockedra ist es nicht so leicht, einen passenden Termin für diesen zweiten Zustand zu finden. Es gibt zwei Feste im Jahr: Maibaumsetzen und Spielplatzfest. Zudem ist es schwierig, an einem Termin alle zusammenzubekommen. Viele Bewohner arbeiten in Schichten oder sind auf Montage: Eine Zeit zu vereinbaren, zu der alle gleichzeitig im Dorf sind, klappt selten. Auch an diesem Tag werden nicht alle dabei sein können.

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18.00 Uhr soll das Spielplatzfest beginnen. 14.00 Uhr feuert Guido im Garten seinen Ofen an. Es ist ein altdeutscher Backofen, zehn Tonnen schwer mit feuerfesten Schamottsteinen, rechtlich gesehen ein Bratwurstgrill, weil ansonsten der Schornsteinfeger kommen müsste. Auf einem Rittergut hatte Guido einen solchen Ofen unter Anleitung gebaut. Und später auf seinem Grundstück dieses Modell in drei Monaten ohne fremde Hilfe gemauert.

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Guido will verstehen, wie etwas funktioniert und das dann selbst konstruieren. Einen Carport hat er so gebaut, ein ausladendes Tor, ein Gewächshaus, auf einem Baumstumpf einen Kran für das Bewegen schwerer Steine installiert. Überall auf dem Grundstück liegen Holzstapel, in der Garage ist jeder freie Platz dafür genutzt. Das Holz holt Guido aus dem Wald, mit einem Gefährt, das er aus Motorrad und Trabant selbst montiert hat.

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Als er und seine Frau vor fünfundzwanzig Jahren Haus und Grundstück in Kleinbockedra kauften, war er die erste Zeit damit beschäftigt, die Scheune Balken für Balken abzutragen. Auf Fotos sieht man ihn auf dem Dach stehen, die Scheune wie ein Skelett freigelegt. »Man muss viel Geduld haben, wenn man ein Projekt angeht. Und dann sehr gründlich und genau sein«, sagt er. Das Geld hat er ins Haus gesteckt, er sagt, das sei sein Lebenswerk.

Neben dem Verstehen und Bauen ist Guido Unabhängigkeit wichtig. Was er macht, will er aus eigenen Kräften schaffen. Natürlich gibt es Tätigkeiten, die man nur gemeinsam erledigen kann; den schweren Stein auf das neue Tor zu heben zum Beispiel. Guido ist Schweißer im Krankenhaus in Lobeda. Wer ihm hilft, dem schweißt er etwas. Ein Geben und Nehmen.

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Alles auf dem Grundstück hat eine Geschichte: der Keller mit dem Mikroklima, das Gewächshaus, das er aus alten Duschkabinenscheiben gebaut hat. Recycling ist ihm wichtig, jeder habe einen ökologischen Rucksack zu tragen, sagt er. Deshalb fliegt er auch nicht. Der Frage, die wir in jedem Ort stellen – Ist es vorstellbar, dass im Dorf Geflüchtete wohnen könnten – kommt er zuvor.

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Er erzählt, dass es Überlegungen gab, im Gemeindehaus Familien unterzubringen. »Aber das hätte nicht funktioniert«, sagt er, vor allem wegen der strukturellen Bedingungen; Busfahrplan, fehlende Einkaufsmöglichkeiten. Ohne Auto ist man hier aufgeschmissen. Er setzt nach, erzählt von Schicksalen, sagt, dass an den Fluchtursachen auch wir, die Europäer, Schuld seien, kein Wunder, dass jene, die herkommen, hier ein besseres Leben finden wollen. Guido glaubt, dass in den nächsten Jahren etwas Schlimmes passieren könnte. Darauf will er vorbereitet sein. Das Holz reicht für sieben Jahren.

Während der Ofen feuert, sitzt seine Frau zusammen mit Ingos Frau Jenny und den Töchtern in der Küche. Sie belegen die Pizzen mit Ziegenkäse, Spinat, Mais, Paprika, Lachs und Ananas. Dabei wird geredet, über das Treffen, über ein Theaterstück, das jemand aus dem Nachbardorf jedes Jahr neu schreibt, darin regionale Themen aufgreift und mit Leuten aus der Umgebung aufführt.

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Nicht nur in Kleinbockedra, sondern in so gut wie allen Orten fällt auf, dass die Männer oft draußen anzutreffen sind, wo sie handwerklichen Tätigkeiten nachgehen, während die Frauen eher drinnen sind. Die Aufteilung der Arbeit ist klassisch, fast traditionell. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb wir grundsätzlich mehr Kontakt mit den Männern eines Dorfs haben – sie sind einfach präsenter, leichter anzutreffen.

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In Kleinbockedra verabreden sich einige der Männer regelmäßig auf ein Bier. Termine werden spontan über whatsapp ausgemacht. Die Frauen haben solche regelmäßigen Zusammenkünfte fast nie. Ganz selten, dass sie in größerer Runde gemeinsam etwas unternehmen. Die Männer bedauern das und verstehen es nicht. Die Frauen können nicht erklären, warum es so ist. Vielleicht sind ihre Kommunikationskanäle andere, nicht so augenfällig.

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Lange vor sechs Uhr sind die Pizzen belegt. Die Frauen bringen mehrere Bleche zu Guido. Er legt die Pizzen nacheinander auf eine große Pizzaschaufel und schiebt sie schnell in den Ofen. Länger als zwei Minuten dürfen sie nicht drin bleiben, ansonsten werden sie schwarz. Wenn das Holz verkohlt ist, wird die Glut herausgenommen und Wärme allein durch die erhitzten Steine erzeugt. Je länger man wartet, desto kälter ist der Stein, desto länger benötigen die Pizzen. Das abzuschätzen, braucht Erfahrung und Instinkt.

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Als die Pizzen fertig sind, tragen die Frauen die Bleche zum Spielplatz. Im Vorfeld gab es ein Kommunikationsmissverständnis, weshalb JEDER mindestens eine Pizza gebracht hat. An Essen wird es an diesem Abend nicht mangeln.

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Auf dem Spielplatz stehen etwa zwanzig Bewohner. Das ist mehr als die Hälfte des Dorfes. Eine gute Zahl. Um sechs Uhr am Abend ist schon dämmrig, kalt dazu. Jedem ist klar, dass selbst dieser außergewöhnlich heiße Sommer ein Ende hat. Und das an diesem Wochenende.

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In einer ausrangierten Waschtrommel brennt Feuer. Die Tischtennisplatte ist zum Büfett umfunktioniert. In einem Kocher wird Glühwein gewärmt. Um das Geländer sind Lichtschlangen geschlungen, vor einem Baum liegt ein Totenkopf mit Lichtsensor. In den Zweigen hängen Gespenster, bald ist Halloween. Die Kinder rutschen unermüdlich die steile Rutsche hinunter.

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Wir erfahren vom Geschäft mit den Eiern, die zu DDR-Zeiten dem Konsum mehrmals verkauft werden konnten und den Eierstempeln, die diese Einnahmemöglichkeit schließlich beendeten. Von Bussards mit GPS-Sendern. Von Säuen, die geritten wurden, um so festzustellen, ob diese rauschig waren. Wir hören ein Bedauern darüber, dass früher mehr aus der Natur verwertet wurde, während heute die Äpfel auf den Wiesen verrotten. Vom Gemeindewald hören wir, für den ein hoher Preis angesetzt ist und dessen Verkauf viel Geld bringen soll, um das Dorf vor einem möglichen Haushaltssicherungskonzept zu bewahren, quasi einer Insolvenz. Wir reden über die »Mietschlacht« in Jena und das es eigentlich nur gewollt sein könnte, das Ländliche zu stärken.

Lars, der Bürgermeister, ist ein sportlicher Typ. Er läuft viel, da ist die Nähe zum Wald ideal. Seine Eltern kamen hierher, als er noch ein kleines Kind war. Später zog er weg, kehrte nach einigen Jahren wieder zurück, pendelt nun zwischen Berlin und Kleinbockedra. An seinem Haus baut er noch. Mauern oder Zäune gibt es nicht. Wenn er will, setzt er sich auf die Veranda und schaut ins Dorf, sieht und wird gesehen. »Wer einmal die Ruhe der Sackgasse kennt, der will nicht weg«, meint er, »Man sagt schon ganz gern, dass man aus der kleinsten Gemeinde stammt.«

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Jeder habe Fähigkeiten, die er oder sie fürs Dorf einbringen könne. Er sei der Beschaffer. Als er Bürgermeister wurde, trat er das Amt nur unter der Bedingung an, dass jeder aus dem Gemeinderat eine Aufgabe übernehmen müsste. Und fügte er: »Ich mache das nur, wenn ihr mitzieht und das nicht schleifen lasst.« Zu uns sagt er: »Hier kommt es auf jeden an.«

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Als Bürgermeister muss er sich mit der politischen Struktur, in der sich die kleine Gemeinde befindet, auskennen. Es mag ein trockenes Thema sein, aber tatsächlich bestimmen Wörter wie Haushaltssicherungskonzept, Gewerbesteuerrückzahlung oder Straßenausbaubeiträge ganz wesentlich Sein oder Nichtsein eines Ort. Dadurch lassen sich Dinge steuern, darin liegen vielfältige Einflussmöglichkeiten. Wenn die Zuweisungen gekürzt werden, sind das existenzielle Bedrohungen für die Eigenständigkeit.

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Wir fragen, wie die Uhren auf dem Land anders ticken. Lars nennt ein Beispiel: das Bauamt. Auf dem Land spiele es eine besondere Rolle, weil man diese Entscheidungen nicht aus der Ferne diskutieren könne, sondern vor Ort sein müsse. Ein weiteres strukturelles Problem: Nicht selten wird Bauanträge nur mit großer Verspätung stattgegeben. Wenn junge Familien auf eine Baugenehmigung mehrere Jahre warten müssen, ziehen sie eben woanders hin. Und fehlen dann in der Region.

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Später kommen wir auf Literatur zu sprechen. Birgit, die hierher geheiratet hat und mittlerweile in Rente ist, erzählt, dass ihr die Kultur fehle. Oft läuft sie die halbe Stunde nach Lobeda, setzt sich dort in die Bahn und fährt in die Jenaer Innenstadt, geht in die Bibliothek, abends manchmal zu Veranstaltungen. Sie versucht, den Umstehenden Bücher zu empfehlen, sie zum Lesen zu bewegen. Die Reaktionen sind freundlich, aber klar: Der Bedarf daran ist kein großer. Nicht nur hier, sondern auch in den anderen Orten, die wir besucht haben.

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Gleichwohl scheint es in jedem Dorf eine oder mehrere Personen zu geben, denen das Kulturelle besonders am Herzen liegt, die versuchen, andere dafür zu begeistern. An diesem Abend dreht sich das Gespräch um ein Buch von Juli Zeh. Unterleuten heißt es. Darin geht es um ein kleines Dorf, deren Einwohner ihre Geschichten miteinander haben, es geht um Zugezogene, um die Enteignungen durch die LPG, um die Wendezeit und deren Folgen, darum, wie starke Persönlichkeiten einen Ort prägen können, um Investoren von außerhalb. Der Roman ist aus der Perspektive der Dorfbewohner erzählt, jede und jeder mit eigenem Blick.

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es hat etwas sehr Merkwürdiges, in einem Dorf zu stehen und über die erfundene Geschichte eines Dorfes zu sprechen und dabei der echten Geschichte eines Dorfes auf die Spur kommen zu wollen. Die Geschichte ist Fiktion. Und doch lassen sich für die Personen und Erzählstränge Entsprechungen in Kleinbockedra finden. Da sind die verschiedenen Blicke auf den Disput, der sich um die Straße entfacht hat, die Abwahl, die Verteilung des Lands, früher und heute, Zugezogene und Ureinwohner. Es gibt Meinungen, ob und wie man Investoren ins Dorf locken könnte, was es ändern würde, wenn ein Teil der Flur als Bauland ausgeschrieben wäre, was passiert, wenn sich die Einwohnerzahl des Dorfes dadurch vergrößern, vielleicht verdoppeln würde. Bedarf wäre durch die Nähe zu Jena sicher da. Die Gespräche sind hypothetisch, die Gedanken dahinter spiegeln Hoffnungen und Befürchtungen wider.

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Als wir den Spielplatz verlassen, ist es winterlich kalt. Immer wieder legt jemand Holz in die Feuerschalen. Glühwein ist genügend da, im historischen Steinofen gebackene Pizza sowieso. Die Elternteile, die ihre Kinder ins Bett gebracht haben, sind zurückgekehrt und stehen wieder zusammen, die Hälfte des Dorfes an einem Samstag im Oktober.

Als wir am nächsten Morgen bei Ingo klingeln, dauert es einen Moment, bis sich die Tür öffnet. Die Feier am Spielplatz ging länger als gedacht. Ingo spielte in der Jugendmannschaft des Carl Zeiss Jena, jemand mit Spielwitz, der, wenn es um den Sieg ging, einiges dafür einsetzte. Heute ist er Sportlehrer. Er lacht viel, bei manchen Themen ist sein Humor ein rhetorisches Mittel der Verteidigung.

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Er führt uns über das Anwesen. Jenny, seine Frau stammt aus Kleinbockedra. Sie haben hier viel umgebaut, viel liegt noch vor ihnen. Auf der langgezogenen Wiese gibt es zahlreiche Orte zum Verweilen – Hängematten, Liegestühle, eine Feuerstelle. Rechter Hand fällt das Land tief ins Tal ab. Der Blick ist atemberaubend.

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Immer, wenn wir denken, jetzt müsste das Grundstück aber zu Ende sein, geht es weiter. Wie ein Arm, der sich freundschaftlich auf die Schulter legt, scheint sich das Land um eine Hälfte des Dorfes zu ziehen. Nach den Sitzgelegenheiten für die Erwachsenen kommen Orte für die Kinder – Schaukeln, Rutschen, eine Hängebahn, ein Kletterparcour, Röhren zum Durchkriechen.

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Jeder Kindergarten einer Stadt müsste froh sein über ein solch ausladendes, einladendes Außengelände. Hier gehört das Draußen-Sein zum Haus und damit zum Alltag. Ein paar Schritte aus der Tür und man ist in einer Astrid-Lindgren-Welt. Das Bauen von Hütten zwischen den Bäumen, ein Staudamm am Bach, der Wald, das Land, die Natur ist das Umfeld, in dem die Kinder hier groß wurden und werden. Es gibt so gut wie keinen Verkehr, nur hin und wieder verirrt sich jemand zufällig in die Sackgasse.

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Ein Paradies also. Das seinen Preis hat. Der Kindergarten ist nur mit dem Auto zu erreichen. Sieben Minuten Fahrzeit, kein Problem. Nur will man das Kind in eine andere Einrichtung schicken, dann ist diese schon deutlich weiter weg. Und die Schulen, später Gymnasien, noch mehr in der Ferne. Wer den Schulbus nimmt, ist unter Umständen eine Stunde unterwegs, früh wie abends.

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Vereinsaktivitäten, Sport, Chor, Musikunterricht gibt es auf den Dörfern nicht. Die Kinder müssen in die Städte gebracht werden, ein immenser, zeitverschlingender Aufwand für Berufstätige. Auch haben Kleinbockedras Kinder keine Spielpartner im gleichen Alter im Ort. Die Freunde wohnen in anderen Dörfern. Und als Teenager wird das Dorf besonders schnell besonders klein und eng.

In den Gesprächen über das Aufwachsen in Kleinbockedra bemerken wir die Ängste der Eltern. Wir können das nicht so richtig greifen. Die Kinder gehen nicht allein zum Spielplatz oder in den Wald, bleiben auf den Höfen, hinter den Toren. Als einzig konkretes Beispiel wird auf die Autos verwiesen, die zu schnell im Dorf fahren könnten. Aber das kann nicht alles sein.

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Da ist eine grundsätzliche Furcht. Selbst bei Eltern, die in Kleinbockedra aufwuchsen und das Leben auf dem Dorf kennen, gibt es diese Beunruhigung. Wir können nur vermuten. Sind es die Nachrichten, die in größerer Schlagzahl als früher die Menschen erreichen, die das Negative verdichten und das Schlechte auf der Welt vor die Haustür, auf das Smartphone in der Hosentasche holen? Der eigenartige Effekt, dass seit Jahrzehnten die Kriminalität nachweislich sinkt und zugleich die gefühlte Angst wächst? Niemand kann uns einen Grund nennen, aber die Ahnung einer Bedrohungslage ist da, die Sorge um das Kind, die hypothetische Gefahr in der Idylle.

Ingo führt uns zum Gemeindehaus. Das steht am Hang am Ende der Straße. Vor einigen Jahren wollte der Heimatverein aus Großbockedra das Haus kaufen. Heute bedauern sie in Kleinbockedra, diese Möglichkeit nicht genutzt zu haben, sagen, dass damals die Fördertöpfe noch geschmeidig gewesen seien.

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Das Haus ist groß und ohne eigenes Grundstück und müsste grundsätzlich erneut werden. Als Wohnhaus kommt es nicht in Frage. Für regelmäßige Veranstaltungen fehlen die Gäste. Das Wasser ist abgestellt, denn dafür müssten im Jahr mindestens hundert Liter Wasser durch die Leitung laufen.

Drinnen sieht es aus wie in einer Kulisse eines Andreas-Dresen-Films, der in der Endzeit der DDR spielt. An der ehemaligen Essensausgabe ist noch zu erahnen, wie früher die Leute nach der Feldarbeit hier anstanden. Ein mattblauer Vorhang verdeckt halb die Bühne. Im Nebenraum tagt der Gemeinderat. An der Wand hängen Karten mit der Gemarkung des Ortes. Die Flur ist zerschnitten, durch Erbansprüche splitten sich die Grundstücke immer weiter auf. Das macht gemeinschaftliche Entscheidungen zunehmend schwieriger.

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Im Saal werden die Wahlen abgehalten. Neunundzwanzig Wahlberechtigte gibt es. Deren Stimmen sind schnell gezählt. Die Wahlkommission hat den Ehrgeiz, als erste Gemeinde Thüringens die Ergebnisse zu melden. Einmal klappte das nicht, das hat sie geärgert. Die lange Wartezeit am Wahltag überbrücken sie mit Gesprächen über das Dorf und die nächsten Vorhaben.

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Kleinbockedra gehört zur Verwaltungsgemeinschaft mit dem schönen Namen Hügelland/Täler. Eine VG ist ein Zusammenschluss kleiner eigenständiger Gemeinden. Der Vorteil: Im Verbund haben sie eine stärkere Stimme, können sich untereinander austauschen, Informationen fließen, man kann sich helfen. So steht Kleinbockedra als kleinster Ort nicht allein, sondern mit anderen kleinen Orten zusammen. Droht aber, wie es kürzlich geschah, der Austritt eines oder mehrerer Orte, steht das gesamte Konstrukt in Frage. Die Kosten würden steigen. Man ist aufeinander angewiesen. Als kleinster Ort der kleinen Orte hat Kleinbockedra den geringsten Einfluss. Dennoch ist eine VG eine Solidargemeinschaft. Redet man diese klein, ist der gesamte Zusammenhalt gefährdet.

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So ist das auf allen Ebenen. Im Dorf, wie sich das Individuum verhält, wenn es vor das Hoftor tritt, was es tut, ob es den Spielplatz sauber hält, sich dort zu Festen trifft, Pizzen belegt, bäckt, mitbringt, wie es sich am Ausbau der Straße beteiligt, bei den anderen Angelegenheiten, die das Dorf betreffen. Halten sich da zu viele heraus, gerät etwas außer Balance.

Auch zwei Ebenen darüber ist es ähnlich. Es geht um die Frage, in welchem Verhältnis Stadt und Land zueinander stehen, was sie einander zu geben bereit sind, wie Gelder verteilt werden. Wären VGs zusammengelegt, wären augenscheinlich Kosten gespart. Im Dorf herrscht dazu eine klare Meinung: »Das Geld würde dann in die Ballungsräume gehen. Die Ansammlung von Menschen an großen Orten ist politisch gewollt«.

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Sicher kann man sich fragen, ob sich ein Bus nach Kleinbockedra lohnt, wo fast jeder ein Auto besitzt. Wie schnell das Internet in kleinen Dörfern sein muss. Wie weit ein Kindergarten, eine Schule, eine Einkaufsmöglichkeit entfernt liegen darf, um ein gutes Leben zu gewährleisten.

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Das ist letztlich eine Frage, die sich an alles, nicht nur das Kleine, richtet: Welches Recht hast du eigentlich darauf, hier zu sein und zu erwarten, dass es dir gut geht, dass für dich gesorgt wird? Wäre es nicht rationaler, sich in der nächstgrößeren Einheit aufzulösen, aus ökonomischen, strukturellen, politischen Gründen?

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Wer diese Fragen hat, kann sie stellen. Muss sie vielleicht sogar. Und sollte davor in das Kleinste fahren und dabei auf die Höfe dort gehen und die Geschichten hören, in die Gesichter blicken und versuchen zu verstehen, was ein Leben hier ausmacht, im Kleinsten.