Schmerzfreier Tod

Wer unter Kynophobie, der Angst vor dem Hund leidet, dürfte in Thüringenhausen ein massives Problem haben. Alle paar Schritte drohen den Betroffenen Angst- und Panikattacken. Denn überall schauen Hundeschnauzen unter den Toren hervor, springen Hundekörper an Mauern empor und schlagen Hundekehlen bei jeder menschlichen Bewegung an. Deshalb ist hier der perfekte Ort für eine Verhaltenstherapie. Die meisten Hundebesitzer erzählen nämlich, ihre Hunde würden einen nicht beißen, sondern höchstens totlecken. Das dürfte therapiewillige Kynophobiker in Scharen anziehen. Ist dies doch im Fall der Fälle eine weniger schmerzhafte Todesart als ein tödlicher Kehlbiss. Sollte der Ort seine Ruhe vor einem massenhaften Andrang von therapieaffinen Kynophobikern bewahren wollen, hilft nur eins: Die Hunde müssen weg.

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Thüringens Hauptstadt

Thüringenhausen ist die Hauptstadt von Thüringen. Das weiß jedes Thüringenhäuser Kind. Und obwohl die meisten Deutschen irrtümlicherweise annehmen, Erfurt sei die Landeshauptstadt Thüringens, nehmen die Thüringenhäuser das nicht übel. Nein, sie machen sogar mit viel Großmut Werbung für ihre Region und für den in der Region befindlichen Konkurrenten Erfurt. Zumindest ein Dank seitens der Thüringer Landesregierung wäre angebracht. Wie wäre es mit einer Auslagerung der Staatskanzlei nach Thüringenhausen oder wenigstens mit der eines Ministeriums? Leere Immobilien gibt es. Ach und eines noch: Politisch eigenständig müsste Thüringenhausen dann schon bleiben. Oder soll die Landeshauptstadt von Ebeleben aus regiert werden?
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Visionäres Verfallsdatum

Erich Honecker war ein Visionär: »Den Sozialismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Esel auf.« Honeckers Vision galt überall, auch in Thüringenhausen. Am 7. Oktober, dem DDR-Nationalfeiertag durften die Thüringenhäuser einst kostenfrei Runkeln für ihr Vieh ernten. Ochs und Esel kamen nicht zum Einsatz. Zu viel tierischer Eigensinn. Deshalb rumpelten die Thüringenhäuser mit ihren Trabis zur Runkelrübenernte aufs Feld. Von diesem sozialistischen Auto-Ernte-Juwel sieht man heute im Ort nur noch ein paar Schrott-Überbleibsel, Runkeln für alle gibt es nicht mehr, Vieh auch nicht. Erich Honecker war ein Visionär. Aber augenscheinlich reichte seine Vorstellungskraft nur bis 1989. Selbst Propheten haben anscheinend ein Verfallsdatum.

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Olfaktorische Opfer

Spätestens mit dem Beginn der Präsidentschaft von Donald Trump ist die deutsche Exportquote massiv in die Kritik geraten. Um nicht zum weltweiten Paria gestempelt zu werden, ist der Exportweltmeister Deutschland aufgerufen, stärker auf Import zu setzen. Genau das ist der Punkt, an dem Deutschland auf Thüringenhausen schauen sollte. Seit Jahren schon werden rund um Thüringenhausen die Felder mit aus Belgien und den Niederlanden importierter Putengülle gedüngt. Es riecht deshalb zwar oft streng, aber zum Erhalt der deutsch-amerikanischen Freundschaft ist den Bewohnern nichts zu schwer. Diese Vorbildrolle unter Einbringung hoher olfaktorischer Opfer sollte Trump beim nächsten Deutschlandbesuch mit einem Besuch von Thüringenhausen würdigen. Vorher sollte zum Beweis natürlich nochmals tüchtig importiert werden.

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Wege zum Glück

Der Mensch sucht auch außerhalb von Arbeit und Familie nach Glück. Da nicht alle Menschen gleich sind, haben sie auch verschiedene Vorstellungen davon, wo das Glück zu finden sei. Wie die zahlenmäßige Verteilung der Glückssucher bezüglich ihres Glückszieles in Thüringenhausen aussieht, ist an der Anzahl der Straßen gut ersichtlich. Zur Kirche führen eine Einbahnstraße und ein Fußweg. Zum Dorfkrug führen vier Wege. Zählt man die Wege von außerhalb dazu, sind es sogar sechs. Vor einigen Jahren schloss die Gaststätte. Neue Wege zu einem alternativen Glücksziel wurden nicht geschaffen. Woran liegt das? An fehlender Finanzierung oder an einem fehlendem neuem Glücksziel?

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Ciceros Weisheit

Kirre im Kopf würde man, wenn Windräder bei Sonnenschein rotierende Schatten werfen, sagen Windenergie-Gegner im Ort. Schön sehe es nicht aus, laut sei es und Vögel würden zu Tode kommen. Einige Thüringenhäuser haben sich fest in dieser Meinung eingemauert. Dagegen kommen Pro-Windrad-Argumente nicht an. Auf den weiter entfernt liegenden Höhen rund um den Ort drehen sich viele Windkrafträder. Langsam, ganz langsam arbeiten sie sich an Thüringenhausen heran. Vor allem das damit zu verdienende Geld spielt da eine Rolle. Inzwischen aber auch für Thüringenhausen. Denn trotz der Gegnerschaft hat das Dorf inzwischen ein Grundstück als Zugang für eine Windfarm verkauft. Wie sagte schon Cicero: Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann.

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Streetculture

Auf den ersten Blick wirken die Straßen in Thüringenhausen wie ausgestorben. Wer jedoch mit den Bewohnern spricht, erfährt von den die Straße beherrschenden Geschwadern und Gangs. Als Besucher wird man da vorsichtig. Bis sie dann anrücken: Rolli-Geschwader, auch Rentner-Gang genannt. Eigentlich wirken diese Thüringenhäuser harmlos. Mit ihren weißen Löckchen und geblümten Dederon-Kittelschürzen sehen sie aus wie liebenswürdige ältere Damen, die einfach nur langsam ihren Rollator auf dem Bürgersteig entlang schieben. Aber die Thüringenhäuser nutzen die militärischen Begriffe zur Beschreibung sicher nicht grundlos. Vermutlich aus Furcht wagt sich in zwei Tagen nur einmal ein junges Paar auf die Straße. Und dabei hält es sich fest an den Händen.

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Legendäre Erscheinung

Der Himalaya hat den Yeti, Schottland Nessi, Thüringenhausen den Erbsbär. Laut den Erzählungen der Thüringenhäuser soll sich das legendäre Wesen einmal im Jahr zeigen und nacheinander mit allen weiblichen Bewohnern des Dorfes tanzen. Als Beweis für die Existenz des Ungeheuers verweisen die Einwohner auf Strohreste am Straßenrand. Diese sollen Teile des Fells des Wesens sein. Noch sind die Kompetenzen der Thüringenhäuser zur monetären Ausschlachtung des Erbsbären ausbaufähig. Dabei könnte der Verkauf von Erbsbärkuscheltieren, Erbsbärsocken, Erbsbärreliquien …großen Reichtum in den Ort bringen. Zum Erfahrungsaustausch wäre eine internationale Vernetzung mit der Himalayaregion und Schottland nützlich. Dann dürfte es nicht mehr lange dauern und Thüringenhausen wäre weltweit für seinen Erbsbären bekannt.

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Ordnung muss sein!

Flexibilität und Mobilität – das sind zwei der Kernkompetenzen, die heutzutage im Leben eine wichtige Rolle spielen. Sechs der Thüringenhäuser stemmen sich gegen diese neumodische Erfordernis. Wenn in der Kirche drei Mal pro Jahr ein Gottesdienst abgehalten wird, sind sie, selbst auf Bitten hin, nicht bereit, ihre angestammten Sitzplätze zu wechseln. Schließlich sitzen sie auf denen ja schon Jahrzehnte. Dieses Beharrungsvermögen hat selbst die zehn Jahre überlebt, als die Kirche wegen der fehlenden Bereitschaft des Pfarrers, aufgrund weniger Gottesdienstbesucher, nicht mehr zu kommen, geschlossen war. Sofort nach der Wiedereröffnung 2014 haben die sechs Gottesfürchtigen ihre Stammplatz-Tradition wieder aufgenommen. Es muss ja schließlich nicht jeder dem Zeitgeist hinterher rennen. Auch nicht in der Kirchenbank.

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Nachhaltigkeitsverwirklichung

Nachhaltigkeit! Ohne geht heutzutage nichts mehr und deshalb spielt das Thema auch in Thüringenhausen eine Rolle. Und zwar in Bezug auf Nadelbäume. Ein Paar berichtet, wie es sich unter jedem Tannenbaum geküsst und der Heimweg deshalb Stunden gedauert habe. Ein anderes, dass es extra Nadelbäume angepflanzt habe und sich so jeder zum Weihnachtsfest seinen Wunschbaum holen könne. Anstatt die Bäume im neuen Jahr dann einfach zu entsorgen, gibt es seit ein paar Jahren beim Knutfest einen Weihnachtsbaumweitwurfwettbewerb. Hier hat das Holz dann die Chance, sich nachhaltig als Splitter in die Haut zu bohren oder für den beim ungewohnten Baumwurf gezerrten Arm als Schiene verarbeitet zu werden. So haben dann alle etwas von der Nachhaltigkeit: Mensch und Holz.

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Mammon

»Eine feste Burg ist unser Gott« ist die wohl bekannteste Bach-Kantate, die auf einem Text Martin Luthers beruht. Die dem Gott zur Huldigung erbaute feste Burg, die St. Petri-Kirche in Thüringenhausen hat keinen großen Zulauf mehr. Vielleicht hat sich deshalb ein Thüringenhäuser daran gemacht, eine neue, eine profane Burg zu erschaffen. Sollte im Kyffhäuserkreis Bedarf an einer noch unbekannten Touristenattraktion bestehen, hier wäre sie. Zur offiziellen Einweihung könnte die Bach-Kantate gespielt werden. Am besten in einer modernen Fassung. Sie könnte lauten: »Eine feste Burg ist unser Geld.« Schließlich war Geld zum Bau nötig, wäre bei einer Vermarktung fällig und müsste auch zum Unterhalt der Attraktion reinkommen. Verbindung zu früheren Zeiten bestände immerhin auch mit dieser Textvariante. Hat der Mammon doch auch bei der Kirche keine unwesentliche Rolle gespielt. Oder sollte hier besser Präsens stehen?

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Undercover

Sesselfurzer, Korinthenkacker, Bürokratenarsch, … Es gibt so einige Schimpfwörter in der deutschen Sprache für den Zusammenhang des menschlichen Hinterteils und der sitzenden Tätigkeit seines Inhabers. Besonders gern werden diese zusammengesetzten Substantive für in der Verwaltung Arbeitende genutzt. Bürgermeister sind solche. Vor dieser Art schimpflicher Zuschreibung haben die gütigen Thüringenhäuser ihren Bürgermeister bewahrt. Neben klassischer Bürotätigkeit darf er nämlich Unkraut von Gehwegen entfernen, Grasböschungen kurz halten und den Friedhof pflegen. Und das sogar mit Hilfe eines »Adjutanten«. Sollte aufgrund dessen sich jetzt jemand für diesen Job interessieren, muss er an dieser Stelle enttäuscht werden. Die Thüringenhäuser werden diesen Job nicht mehr vergeben. Mit der Aufgabe ihrer Selbstverwaltung wird es keinen Bürgermeister mehr geben. Dafür aber können nun die Schimpfwörter für den Chef der Einheitsgemeinde Anwendung finden. Dessen Hauptarbeitsort ist der Schreibtisch.

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Sinfonische Drohung

Wer in Rom das nacheinander einsetzende Glockengeläut der Kirchen erlebt oder in Marrakesch die versetzt rufenden Imame von den Moscheetürmen, der hat eine Vorstellung von der akustischen Wirkmacht des Glaubens. Ähnlich ist das in Thüringenhausen. Hier aber sind es weder Glocken, noch Imame, sondern das direkt aufeinander folgende Gebell der vielen Hunde hinter den Hoftüren, welches die akustische Wirkmacht des Glaubens symbolisiert. Nämlich die an ein wehrhaftes Dorf. Was aber für Fremde bedrohlich klingt, ist für Thüringenhäuser die ohrenschmeichelnde Sinfonie der heimeligen Abendstunde. Es liegt eben immer im Auge …, äh Ohr des Hörers.

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