Bevor wir nach Quaschwitz fahren, wissen wir über vieles Bescheid. Zumindest nehmen wir das an. Keiner der besuchten Orte ist so gut dokumentiert wie das Dorf im Südostthüringer Schiefergebirge. Beziehungsweise: Die Gegend dort. Und das hängt mit der SZM zusammen, der VEB Schweinezucht und -mast Neustadt/Orla. Als eine der größten Anlagen der DDR war sie für 180.000 Tiere angelegt, oft standen hier deutlich mehr als 200.000 Schweine. Siebzehn Hallen auf achtzig Hektar, Güllebecken, Futtersilos, Kohlehalden, ein Heizwerk – die SZM war in die Wirklichkeit übersetzte Agrarpolitik, Sinnbild für den Übergang zur industriemäßigen Landwirtschaft, eine Vorwegnahme dessen, was heute die Norm ist.

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Das blieb nicht ohne Folgen. Die Millionen Tonnen Gülle im Jahr ließen die Kiefern und Fichten sterben, die Landschaft verödete, im Land der Tausend Seen waren die Seen verseucht durch den Klärschlamm, in der Luft lag ein Geruch von Ammoniak und Schwefelwasserstoff. Die SZM war eine ökologische Katastrophe, die Menschen, Tiere und Land krank machte. Davon zeugen die Bilder, das erzählen die Texte. Und sie sprechen vom Geruch, einem dauerhaften Gestank nach Gülle.

Als wir in Quaschwitz ankommen, fällt zuerst das Fehlen eines Geruchs auf. Höchstens ist da die Ahnung eines unentschlossenen Februartags, der nicht weiß, ob er noch Winter oder schon Frühling sein willl. Eine Straße führt ins Tal, dicht an den Seiten stehen Häuser, im Zentrum liegt ein begrünter Platz mit Teich und Spielplatz, schließlich kommt eine Kurve und dann schon das Ende des kleinen Orts.

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Wenn wir in den kommenden Tagen mit den Bewohnern sprechen, wird die ehemalige Mastanlage nur Thema, wenn wir sie dazu machen. Ansonsten scheint die Vergangenheit weit entfernt, mindestens dreißig Jahre. Heute treiben die Menschen hier andere Themen um.

Quaschwitz ist ein klassisches Angerdorf. Die Gehöfte des Orts verteilen sich um einen zentralen Platz, den Anger. Am unteren Ende befindet sich ein Spielplatz mit Rutschen, Schaukeln und Wippe. Einmal im Jahr wird der vom TÜV abgenommen, das Dorf bezahlt dafür fünfzig Euro. Weiter oben im Wartehäuschen hält zwei Mal die Woche der Linienbus. An manchen Abenden treffe sich hier die Jugend des Dorfs, sagen die Älteren. Daneben liegt der Löschteich. Festgebunden an den Geländerstangen hängen mehrere Plastikboxen im Wasser; einige aus dem Ort haben ihre Karpfen zum Entschlammen hinein gegeben. Markiert sind die Boxen mit alten Handschuhen.

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Gegenüber, neben der Feuerwehr, steht das Gemeindehaus. 2000 wurde es mit Fördermitteln gebaut. Einmal im Jahr ist hier das Dorffest, dazu Weihnachten und der Frühschoppen nach der Kirmes. Auch die Wahlen finden in den Räumen statt, der Gemeinderat trifft sich alle drei Monate, die Bürgermeisterin hat ihr Büro im Erdgeschoss.

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Dahinter,auf einem kleinen Hügel, steht die Dorfkirche. Alle zwei Wochen findet hier ein Gottesdienst statt, die Pfarrerin betreut dreizehn Gemeinden. Fünf Familien haben abwechselnd Glockendienst. Dafür läuten sie zu Beginn des Gottesdienstes von Hand die Glocke. Unten wartet die Pfarrerin solange, bis die Glöckner zurückkehrt sind und beginnt dann erst mit der Andacht.

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In einem Glockenbuch stehen Instruktionen dafür, wie oft zu welchen Anlässen geläutet wird; unterschiedliche Schlagzahlen für Taufe, Hochzeit oder Beerdigung. Früher bediente jemand aus dem Dorf auch das Gebläse der kleinen Dorforgel. Heute ist das nicht mehr notwendig.

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Und dann gibt es noch das kleine, eingefallene Haus am Ortseingang. Verkauft wurde es für einen geringen Betrag an einen vermeintlichen Investor. Doch der machte nichts am Gebäude, sondern setzte es gleich auf eBay Kleinanzeigen.

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Das ärgert die Leute im Ort. Das Haus ist das erste, was man von Quaschwitz sieht. Besser wäre es, die windschiefe Ruine ganz wegzureißen. Doch das liegt jetzt nicht mehr in ihren Händen.

So wie die meisten Bewohner des Orts wohnt auch Sibylle am Dorfanger. Seit knapp zwanzig Jahren ist sie die Bürgermeisterin von Quaschwitz, eine von zweien im letzten halben Jahrhundert. »Dabei hatte ich nie was mit Politik am Hut gehabt« sagt sie, »Ich habe mich ins kalte Wasser schmeißen lassen«. Überredet wurde sie von ihrem Vorgänger, der dreißig Jahre im Amt war. Damals wunderte sich Sibylle darüber, dass er ausgerechnet sie als Nachfolgerin auserkoren hatte; politische Angelegenheiten waren hier stets Männersache. Auch heute ist sie die einzige Frau im Gemeinderat. Im Mai ist Wahl, Kandidatinnen stehen auf der Liste, dann könnte sich etwas ändern. Wahrscheinlich ist das nicht.

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Bürgermeisterin bedeutet auch, immer verfügbar zu sein. Wenn jemand etwas von ihr will, kommt er nicht in Sibylles Büro, sondern klingelt bei ihr zuhause. Diese Nähe ist nicht immer einfach. Eine ihrer großen Entscheidungen zu Beginn war die Frage danach, ob die siebzigjährige Pappel am Anger gefällt werden sollte. Der Stamm war innen hohl, nur eine Frage der Zeit, bis der Baum fallen würde. Schlagen oder nicht – die Meinungen im Dorf waren unterschiedlich, es wurde heftig darüber gestritten. Letztlich entschied Sibylle aus Sicherheitsgründen für das Fällen, etwas, das für manche immer noch Thema ist.

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Das Das Gehöft, auf dem sie wohnt, erstreckt sich weit in die Fläche, zehn Hektar, die bis hinten an die Felder reichen. Ein großes Wohnhaus gehört dazu, Wiesen, auf denen Sibylles Mann Achim gewaltige Holzstapel aufgeschichtet hat, die aus dem eigenen Forst stammen. Auf dem Hof laufen Hühner, im Stall stehen mehrere Kaninchenkäfige.

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Früher gab es hier auch Rinder. Die gehörten Sibylles Vater. Als Kriegsgefangener war er zwangsweise fünf Jahre in England und den USA. Dort hatte er die Möglichkeit, die einheimische Tierzucht zu studieren. Das Wissen brachte er zurück mit ins Dorf, wollte es auf dem eigenen Grund und Boden umsetzen. Dann kam die LPG und damit die Enteignungen. Erst nach der Wende, mit achtundsechzig Jahren, konnte der Vater seinen Traum schließlich verwirklichen und begann mit einer Mutter-Kuh-Haltung mit Kalb, bis zu seinem Tod machte er das.

An der Stirnseite des Quaschwitzer Angers steht das Forsthaus. Hier wohnt Familie Groll. Vor fünfundzwanzig Jahren kamen sie ins Dorf. Matthias arbeitet im Forstamt und ist für das Revier Weira verantwortlich und damit das Gebiet, auf dem früher die Mastanlage stand.

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Nach der Stilllegung waren fast zweitausend Hektar Wald geschädigt, ein Viertel davon galt als abgestorben. Damals wurde ein Aufforstungsprogramm gestartet und eine Million Bäume neu gepflanzt. »Ich hätte nie gedacht, dass wir hier wieder so schnell Wald haben«, sagt Matthias. Einen reinen Fichtenbestand gibt es nicht mehr, dafür Mischwald, »wir streuen das Risiko, so wie bei Aktien.«

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Die Grolls haben vier Kinder. Saskia und Tobias, die beiden Mittleren, gehen aufs Gymnasium nach Pößneck. Die Stadt in der Orlasenke ist auch der große Bezugspunkt für sie; da ist die Schule, viele Freunde wohnen dort, zudem spielt Tobias Unterwasserrugby und trainiert mehrmals die Woche. Sein Verein, der Tauchsportclub submarin Pößneck e.V., spielt in der zweiten Bundesliga. Um außerhalb der Schulzeiten nach Pößneck zu kommen, sind sie auf die Eltern angewiesen. Der Schulbus fährt nur früh und nachmittags. Wichtigstes Fortbewegungsmittel für Tobias ist das Fahrrad. Mehrmals sehen wir ihn den Anger rauf und runter fahren. Dabei springt er über Bodenschwellen, macht kleine Kunststückchen.

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Seine Schwester Saskia ist viel in der Natur unterwegs. Mit Inka, der Familienhündin, geht sie in den Wald. Dort kennt sie die Pflanzen und Tiere. Später möchte sie einmal in die Fußstapfen ihres Vaters treten und Försterin werden. Die Grolls haben zwei Pferde, die hinten im Hof stehen. Saskia kümmert sich um die Tiere, nimmt mit ihnen auch an Reitturnieren teil.

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Im Hof nebenan wohnt die zweitälteste Bewohnerin Quaschwitzs. Oft schaut Inge rüber zu den Grolls. Dann sieht sie, wie Saskia bei den Pferden ist. Inge sagt, dass sie sich in Saskia wiedererkenne; die Liebe zur Natur, den Drang, draußen zu sein, auch eine gewisse Furchtlosigkeit. Seit über achtzig Jahren lebt Inge in Dorf und ist so etwas wie eine lebende Chronik. »Die Inge hat ein Gedächtnis, die weiß was«, so wurde sie uns vorgestellt.

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Sie hat den Krieg miterlebt, als sich damals die Einwohnerzahl verdreifachte, erst durch die Bombengeschädigten aus Berlin und Köln, dann durch die Umsiedler, von denen nicht wenige in der Gegend blieben. Auch ihr Mann kam aus dem Sudetenland, wollte eigentlich weiter gen Westen, fand dann sein Zuhause in Quaschwitz. Inge spricht von der Besetzung durch die Amerikaner, die Russen, von der »schwarzen Zeit«, dem Kriegsgefangenenlager in Neustadt, von den Enteignungen, weiß um die Tragödien, die hier geschehen sind, erzählt von den Selbstmorden, die in Verbindung stehen mit der SZM. Sie kennt die Geschichten, die die Menschen verbinden und auch die Gründe dafür, warum manche sich seit Generationen spinnefeind sind. Im Prinzip müssten wir ihr eine Woche lang zuhören und notieren, so viele Geschichten sind es, die nicht nur eine Biografie erzählen, in die drei große Systemwechsel eingeschrieben sind, sondern vom Leben eines ganzen Orts.

Gearbeitet hatte sie bei den Tieren. »Es gab keinen Sonntag, keinen Feiertag«, sagt sie, »man hat sich kaputt gemacht, die Feldarbeit war schwer.« Heute sei das anders, mit all der Technik. Überhaupt können die Jungen zufrieden sein. Wer Arbeit habe, dem gehe es gut, der könne in die Welt reisen, tun, was er wolle. Dann hält sie inne. »Damals war die Arbeit zwar schwer, aber es gab weniger Angst und Unsicherheit. Heute ist das anders, mit dem Stress und dem Druck und der ständigen Sorge, ob man morgen noch Arbeit hat.«

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Eigentlich wollte Inge immer Försterin sein. Wie Saskia von nebenan liebt sie den Wald. Bis vor drei Jahren war sie im eigenen Wald unterwegs gewesen, sammelte selbst Äste und Zweige auf. »Ich habe es gern gemacht«, sagt sie und Sibylle, die mit uns bei Inge ist, meint »Du hast auch übertrieben.«

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Zum Schluss, als wir Inge um ein Foto bitten, weil wir ihren Geschichten gern ein Gesicht verleihen würden, lehnt sie ab, diese Zeiten seien vorbei. Stattdessen sagt sie: »Das Schönste, was ich gesehen habe, war eine Sonnenfinsternis am Balaton. Alles wurde still und dunkel, niemand sagte was, die Tiere verstummten. Da kamen mir die Tränen, so schön war das.« Wir verabschieden uns und wissen, dass wir nur einen Bruchteil von dem gehört haben, was es zu hören gäbe.

Margitta,die ein Haus weiter lebt, ist auch seit ihrer Geburt im Ort. Mit ihrem Mann Dieter ist sie über vierzig Jahre verheiratet, die beiden erwachsenen Söhne wohnen in Quaschwitz. »Ich bin ein Leben lang hier«, sagt Margitta, »ich gehe nicht noch mal weg.«

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Wie Sibylle und Inge wohnt sie auf dem Hof ihrer Vorfahren. Auch hier gehört ein großes Grundstück dazu. Im Garten stehen viele Obstbäume, die Äpfel geben sie in die Mostanlage und erhalten Saft dafür. Vom Waldgebiet bringen sie Holz ein.

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Dieter kümmert sich darum, bewirtschaftet den Forst, holt Brennholz für den Eigenbedarf, verkauft den Rest. »Wenn man selbst was macht, bleibt Geld hängen«, sagt er. Dafür ist es auch aufwendiger. Ähnlich wie Achim, Sibylles Mann, sorgt er sich wegen der Borkenkäfer, die die Ernte immer wieder kaputt machen. Der Borkenkäfer fliegt auf den Baum, durchbohrt die Rinde, legt Larven hinein, die fressen sich durchs Holz und zerstören die Wasseradern; der Baum verdurstet. Viel tun dagegen kann man nicht, außer das Schadholz so schnell wie möglich vom gesunden Bestand zu trennen.

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Auf dem Anwesen von Margitta und Dieter stand früher Vieh. Die Eltern züchteten Rinder und Schweine, achtzig Tiere hielt der Opa. Das hat immer zum Leben gehört. Margittas Enkel Justin will in die Landwirtschaft. »Ich habe ihm gesagt: Lern was anderes. In der Landwirtschaft ist nichts verdienen, da machst du dich nur kaputt.«

Die Mastanlage hat hier verschiedene Namen: KIM für Kombinat Industrielle Mast, SZM für VEB Schweinezucht und -mast Neustadt/Orla, S110. Die meisten sagen dazu nur »die S«, die kürzest möglichste Bezeichnung, so, als wolle man so wenig Laute wie möglich dafür aufwenden. Jemand sagt auch »die Scheiß S«.

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Wir hören von den Lastwagen, die nachts auf der offenen Landfläche die Schweinekadaver durch den Ort fuhren, vom Gestank. Auch wenn es über den keine zwei Meinungen gibt, dann doch über die Vorteile, die die S dem Dorf brachte; Arbeit und eine bessere Infrastruktur, denn damals wurden Zufahrtsstraßen gebaut, davon profitierte der Ort.

Am zweiten Tag in Quaschwitz treffen wir endlich jemanden, die in der S110 gearbeitet hatte. Sabine war erst Auszubildende und dann in der Halle mit der Aufzucht beschäftigt. Zum Gespräch bringt sie ein Fotoalbum mit. Nur ein heimlich geschossenes Foto darin zeigt den Arbeitsplatz, die Mastanlage von innen. Das ist nicht ungewöhnlich: Man macht sehr selten Fotos von der Arbeit und noch seltener klebt man diese in Alben, gewährt ihnen somit einen Platz in der Erinnerung und dass, obwohl die Arbeit ein Drittel des Tages einnimmt.

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Von Sabine erfahren wir aus erster Hand, wie es damals in der Mast war. 6.00 Uhr begann die Schicht, 15.00 Uhr endete sie. Zuerst immer die Dusche, um keine Keime einzuschleppen. 7.00 Uhr eine Fütterung, 13.00 Uhr nochmals. Beim Verlassen gab es keine Duschpflicht. Der Geruch ging nur schwer weg. »Das war schon ein Problem in der Disco«, sagt Sabine. Für die DDR, fügt sie hinzu, herrschte in der S ein hoher und moderner Stand an Technik, auch der Verdienst war gut. Sie arbeitete im 10-4-Rhythmus: zehn Tage in der Mast, vier Tage frei und dann wieder von vorn.

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Sabine arbeitete in Halle 3. 365 Meter war die lang, von einem Ende zum anderen dauerte der Weg gute fünfzehn Minuten. 3500 Schweine waren in ihrer Abteilung. Hier fand die Aufzucht statt. Drei Mal im Jahr sollten die Säue ferkeln. Der Samen wurde angeliefert, ab und an wurde ein Eber durch die Gänge getrieben, um die Säue zu stimulieren. Die Befruchtung wurde künstlich vorgenommen, dafür wurde ein Schlauch in die Sau gesteckt. »Einmal war ich so blöd zu fragen, warum das bei der Sau so blutet. Da hieß es: Das war das 1. Mal für das Schwein«, erzählt Sabine. Die männlichen Tiere wurden bis zum sieben Lebenstag kastriert. Dabei wurde dem Schwein ohne Betäubung der Samenstrang durchtrennt und beide Hoden entfernt.

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Es heißt: Ein Schwein soll Geburtstag haben können. Das war in der S110 nicht vorgesehen. Nach drei Monaten verließ ein Ferkel die Aufzucht. Die Sau wurde gespritzt, um sie sofort wieder rauschig zu machen. Geschlachtet wurde das Schwein bei einem Gewicht von hundertzehn Kilogramm. Alles war auf den Tag genau geplant: Befruchtung, Geburt, Aufzucht, Schlachtung. Eine große Maschinerie. Wenn es irgendwo stockte, geriet der ganze Ablauf durcheinander.

Manchmal, erzählt Sabine, habe sie die Schweine verwöhnt, Zucker aus der Kantine geklaut und damit gefüttert. Wenn es schön war, habe sie die Tiere rausgetrieben. Man musste nur aufpassen, dass die keinen Sonnenbrand bekamen. Bei den Kastrationen habe sie nicht dabei sein können. Einmal im Monat gab es Fleisch günstig zu kaufen. Doch das roch schlecht, war schlapp und fahl und schmeckte nach Antibiotika. Die Tiere in der S110 hatten einen anderen Geruch als die aus der kleinen Haltung.

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Sabine erzählt von den Nachtverladungen. Achtzig Prozent des Fleischs gingen in die BRD, ein offenes Geheimnis, das niemand mitbekommen sollte. Deshalb die Nachtverladung, deshalb die Autobahnanbindung, der schnelle Weg in den Westen. Und noch ein interessanter Fakt: Viele der in der Mast Beschäftigten wohnten nicht in der unmittelbaren Umgebung. Sie waren in einem Neubaugebiet in Neustadt untergebracht. Von denen, die direkt von den Auswirkungen der Mast betroffen waren – der Verödung des Landes, dem Sterben der Wälder, dem Gestank – arbeiteten wenige dort. Die anderen fuhren nach der Arbeit zurück in ein Gebiet, wo die Folgen der Zucht nicht spürbar waren.

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In der Wendezeit gab es Proteste gegen die S110. Wenige Tage vor der Deutschen Einheit beschloss der Ministerrat der DDR schließlich deren Stilllegung. Die Inneneinrichtung und Technik wurde an bayrische Mastanlagen verkauft. Danach gab es verschiedene Überlegungen, was mit dem Gelände geschehen sollte. Von einem Freizeitpark war die Rede, der jedoch nie verwirklicht wurde.

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Heute sind auf der ehemaligen Mastfläche in Weira verschiedene Gewerbe angesiedelt. In der Albert-Einstein-, der Anne-Frank-Straße gibt es Metall- und Holzbetriebe, Datenverarbeitungsfirmen, eine Hundezucht liegt dort, dazu die große Recyclinganlage. Im Quaschwitz erzählen sie, dass das Dorf öfter mal eine Wolke abkriegen. Dann rieche es säuerlich und eklig, dann mache man die Fenster wieder zu.

Sabine arbeitete danach noch in einer ähnlichen, aber wesentlichen kleineren – und wie sie sagt schlimmeren – Anlage. Seit 2009 ist sie Gemeindearbeiterin, kümmert sich um die Rasenflächen, streicht Bänke und Geländer, achtzehn Monatsstunden kommen so zusammen, dazu eine Anstellung im nahegelegenen Katzenlandhotel.

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Gemeinsam laufen wir aus dem Dorf hinaus, auf das Plateau, hin zu einer von Sabines Lieblingsstellen. Von hier aus lässt es sich weit in die Orlasenke blicken, die Ausläufer des Thüringer Schiefergebirges rahmen das Land. »Wenn ich Städterin wäre und aus dem Fenster schaue, und gleich das nächste Fenster sehe, würde ich durchdrehen«, sagt sie.

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Später zeigt sie auf die Windräder, die sich in der Ferne über die Felder erheben. Sie spricht vom Schatten und den Vögeln und den verursachten Schaden und meint, dass darüber nicht gesprochen werden dürfe – ähnlich wie damals bei der S110.

Am Ende unseres Besuchs lädt uns Sibylle noch einmal ein: Kaffee und Kuchen gibt es, ihr Enkel ist auch da. Wie in allen kleinen Dörfern reden wir über die Zulage für den Kindergarten, der mit etwa 600€ pro Platz und Monat hier besonders hoch ist. Wir reden über die Eigenständigkeit, die sie für Quaschwitz behalten wollen und dennoch in Gedanken schon durchspielen, was passiert, wenn die Zuweisungen noch weiter sinken, welcher Stadt sie dann zugeschlagen werden würden.

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Sibylle will das unbedingt vermeiden: »Was interessiert die in Neustadt, ob hier der Rasen gemäht werden muss.« Bürgermeisterin würde sie dann auch nicht mehr sein wollen. Momentan hat sie drei kleine Arbeiten inne, Jobs eher, stundenweise ausgeführt, zumeist in der Buchhaltung, im Büro. Sie erzählt von ihrem Werdegang und meinte, dass sie eine zerrissene Erwerbsbiografie habe, damit sei sie nicht die einzige im Ort.

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Sie tritt ans Fenster und schaut auf die Häuser ihres Orts, die sich um den Anger gruppieren. Sie geht die Grundstücke ab, zählt auf, wer als was wo arbeitet: Elektriker, Altenpflege, Fensterbau, Kindergärtnerin, Werkzeugmacher, Straßenbau, Kaufland, Maurer, Versand, Post, Sprechstundenhilfe.

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Uns wird klar: Ein Bauer, eine Landwirtin ist nicht dabei. Den Beruf, der so lange bestimmend war für das Dorf, gibt es nicht mehr. Der Bauer ist zum Handwerker geworden. Und für einen Handwerker braucht es mehr als den eigenen Grund und Boden. Es braucht Betriebe und Firmen, welche diese Berufe anbieten. Und wenn die im Ländlichen fehlen, dann hat das drastische Folgen, deren Bedeutung aus dem Blick der Stadt nur schwer in vollem Umfang zu begreifen sind.

Ein gewaltiger Umbruch findet im Leben der Menschen hier statt, der nicht synchron läuft mit den Angeboten, den Strukturen. Für das, was weggefallen ist, was neben dem Erwerb auch einen Sinn gegeben hat, ist kein wirklich ausreichender Ersatz getreten. Weiterhin gibt es noch die Ansätze dafür: die Haltung kleinerer Tiere, ein eigener Forst, die große Wiese hinterm Haus, natürlich den Hof. Aber das sichert nicht das Überleben, die Existenz, das alles kommt zum eigentlichen Erwerbsleben dazu.

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Als wir das begreifen, sehen wir den Wandel, der sich hier ereignet hat, mit anderen Augen: das Ändern der Arbeit, nach der Wende das Ändern der Gesellschaftsform, das Fortziehen der Jungen, damit das Verändern der Strukturen im Dorf und die Ungewissheit des Weiterbestehens eines Orts, an dem die meisten ein Großteil ihrer Leben verbracht haben.