Lebensgefährlich

Wer den Friedhof betreten will, muss über einen kleinen Trampelpfad. Die Scheitzer nennen ihn »Straße des letzten Weges«. Diese Benennung sollte man sehr ernst nehmen, denn dieser Pfad ist für Menschen lebensbedrohlich! Die Gefahr lauert links des Weges. Gut, man muss ehrlich sein: die Killer warnen einen vor dem Betreten des Pfades. Mit lautem Muhen. Wer jetzt lacht, hat keine Ahnung. Oder aber Galgenhumor. Denn die Statistik beweist eindeutig, dass weltweit mehr Menschen von Kühen getötet werden als vom weißen Hai. Führen Kühe eigentlich auch eine Statistik, die die Rangfolge bezüglich Mensch und weißem Hai als Kuhkiller auflistet?

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Scheiditze (Pl.)

Man kann Scheiditz als sehr egalitäres Gemeinwesen betrachten. Schließlich wohnen alle in derselben Straße, der Dorfstraße. Besucher jedoch können Scheiditz je nach Gesprächspartner sehr anders betrachten. Da gibt es den, der alte Machtstrukturen anprangert und schon wittert man üble Machenschaften. Da gibt es den, der Verwaltungsaufgaben pragmatisch lösen möchte und schon sieht man klare Verhältnisse. Und dann gibt es die, die über Ort und Bewohner ausschließlich schöne Worte verstreuen. Wer diesem Worte-Zauber erliegt, sieht ein Paradies. Besucher können also aus 23 Scheiditzen wählen.

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Verwirrung

Wann ist man Scheitzer? Darauf geben die Bewohner von Scheiditz durchaus recht unterschiedliche Antworten. Wenn man hier lebt, sagen die Einen. »Zugelatschte« sind keine Scheitzer, sagen die Anderen. Wenn man öfter kommt und mitfeiert, sagen die Einen. Wenn man hier geboren ist, sagen die anderen. Tatsächlich kann Scheiditz als wirklichen Geburtsort seit Menschengedenken nur ein einziger Mensch für sich beanspruchen. Und dieser bzw. diese ist Nachfolgerin von „Zugelatschten“. Und die wiederum sind sich sicher, dass man fürs Scheitzer-Sein mindestens in der 3. Generation hier leben muss. Also an diesem Themenkomplex müssen die Bewohner wirklich ernsthaft arbeiten! Das ist zu verwirrend.

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Verhältnisverschiebung

Es steht 80.000 gegen 54. Klar, wer da gewinnt. Und das erkennt auch jeder, der sich an einem sonnigen Samstagmorgen im Freien aufhält. Denn die 80.000 Ruhestörer beherrschen 8 Uhr in Gänze den akustischen Scheiditzer Raum. Doch die 54 Scheitzer geben den Raum nicht kampflos her. Zur Rückeroberung nutzen sie eine starke Waffe. Rasenmäher! Und dagegen sind die 80.000 chancenlos. Ans Aufgeben aber denken sie nicht. Sie machen einfach immer weiter. Und spätestens zur Mittagszeit sind sie wieder die Sieger. Summ summ summ …

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Gewichtsproblematik

Scheiditz liegt im Thüringer Holzland. Dieser Name ist den Scheitzern Verpflichtung. Sie alle schaffen Kunstwerke aus Holz. Und dazu nutzen sie insbesondere die Form des Stapels. Bescheiden wie die Scheitzer sind, nehmen sie sich aber mit der Bezeichnung als Künstler zurück und schreiben das Künstler-Sein nur einem Einzigen im Scheiditzer Kosmos zu. Von dessen Schaffen zeugen am Ortseingang ein großes Einhorn und in der Ortsmitte ein kleines Schaf. Eine Differenz zwischen DEM Künstler und DEN Künstlern gibt es aber tatsächlich. Einhorn und Schaf ändern niemals ihr Gewicht und damit niemals ihre Form. Die Stapel aber nehmen im Winter ab, ansonsten zu, weshalb es ständige Formenvariationen gibt. Zur Definition dessen, was Kunst ist, kommt deshalb in Scheiditz definitiv Gewicht als Kategorie in Betracht. Und das ist weltweit einzigartig!

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Farbenkampf

Mitten im Ort liegt der Dorfteich. Gedacht ist er nicht als Badestätte. Gedacht ist er als Feuerlöschteich. Und deshalb gibt es ein Schild: Baden auf eigene Gefahr. Gemunkelt wird aber von Badeaktionen von Kindern und Horden nackter Erwachsener. Seit kurzem nun bedeckt marmoriertes Grün den Teich. Seitdem gibt es weniger Planschende. Man kann jetzt durchaus vermuten, dass radikale Grüne die Farbe reingekippt haben, um die dort lebenden Karpfen, Schleie und Goldfische vor den Badenden zu schützen. Nur wer mag das sein? Zeigen die Wahlergebnisse doch fast ausschließlich Schwarz. Aber vielleicht sind es nur Wasserlinsen auf der Wasseroberfläche. Bloß, das käme ja auch den Grünen entgegen! Wie man’s dreht und wendet: Grün profitiert, Schwarz verliert.

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Fortschrittsglaubenerschütterung

Die alten Scheitzer verfügen über eine Fähigkeit, die vielleicht nur noch Ureinwohner in abgelegenen Gebieten dieser Welt beherrschen: die Baumspitzen-Silhouetten-Orientierung. Da es im Ort auch früher weder Schule noch Kirche noch Friedhof gab, wanderten einst viele Scheitzer täglich 3 km bergauf nach Albersdorf. Und so nannte man den Weg auch »Schul-, Kirchen- und Leichenweg«. Doch auch fürs abendliche Vergnügen musste man den Weg raus aus Scheiditz nehmen. Aber egal in welchem Zustand man zurück ins Tal wankte, Licht von Kerzen oder Taschenlampen brauchte niemand. Alle beherrschten die Baumspitzen-Silhouetten-Orientierung. Auto und Bus haben diese Fähigkeit aussterben lassen. Hier könnte nun die Diskussion über Sinn und Unsinn von Fortschritt ansetzen.

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Himmels-Turm-Gewalt

Alles Gute kommt von oben. Das wurde den Scheitzern einst auch ohne eigene Kanzel gepredigt. Zu Zeiten der DDR waren die Bewohner dann eher an anderen Verkündigungen interessiert. Also bauten sie sich auf dem Berg einen Eisenturm. Für die Oberen im Land ganz offiziell als Antenne zum ordnungsgemäßen Empfang der TV-Sender DDR 1 und DDR 2, für die unten im Tal inoffiziell als Antenne zum illegalen Empfang der Feindsender ARD, ZDF, RTL und SAT 1. Inzwischen wird vom Turm auch das Internet nach unten ins Dorf gefunkt. Der Unterschied? Wer in diesem Netz unterwegs ist, kann besser überwacht werden als der TV-Konsument. Aber wenigstens eines bleibt, wie es immer war: Alles Gute kommt von oben!

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Geschäftsmodell

Es soll in Deutschland noch Gemeinden geben, in denen man zur Weitergabe von Informationen zu bestimmten Zeiten an bestimmten Plätzen zusammenkommen muss. Nicht so in Scheiditz. Da sind vor allem die Frauen schon weiter. Sie nutzen WhatsApp. Besonders hilfreich ist das, wenn man in den Wintermonaten viele Bewohner monatelang nicht zu Gesicht bekommt. Klatsch, Tratsch, vor allem aber Tod sorgen dann für jede Menge WhatsApp Traffic. Sehr hilfreich ist das für Unternehmen wie Facebook und Co. Sie können die Geld scheffelnde Werbung für Trauerkleidung, Grabgestecke und Leichenschmaus-Restaurants gleich bei den Richtigen platzieren. Dumm nur, dass Scheiditz von den Einnahmen nicht profitiert. Denn weder gibt es Restaurant noch einen Laden. Aber dafür haben die Scheitzer den Friedhof. Und in diesem Bereich sehen Facebook und Co. wirklich alt aus. Diese Gebühren wandern nicht in ihren Säckel.

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Massaker

Alter sei ein Massaker, schrieb der amerikanische Schriftsteller Philip Roth. Dieses Schicksal droht auch Scheiditz. Seit der Nachwuchs aus den alteingesessenen bäuerlichen Familien mehr und mehr wegzieht, ist das Generationenmodell Alt, Mittel, Jung unter einem Dach, im Verlöschen begriffen. Und damit werden auch die Besitzverhältnisse im Dorf umgekrempelt. Denn wenn die Alten wegen der Nicht-mehr-altersgerechten Verhältnisse und der fehlenden Betreuung durch ihre Kinder wegziehen, kaufen Ortsfremde die Häuser und ziehen ein. Und so vollzieht sich nun mit der demographischen Entwicklung ein Massaker am Scheiditzer Traditionsmodell. Doch wie heißt es so schön? Die Revolution frisst ihre Kinder. Den neuen Familien droht in einigen Jahren das gleiche Schicksal.

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Grabenkämpfe

Wenn das kleine Rinnsal der Gleise bedrohlich anschwillt und sich Schlammlawinen ins Tal wälzen, ist Scheiditz in Not. Und das passiert immer öfter. Ein Grund dafür sind die zugeschütteten Grabenrinnen auf den Feldern rund um den Ort. Einst waren diese Stopp und Versickerungsmöglichkeit für plötzliche auftretende Wassermassen. Das Effizienzgebot des maschinellen Großfeldbewirtschaftens durch die Agrargenossenschaft führte zur Zerstörung der Gräben. Man kann nur hoffen, dass daraus kein metaphorischen Grabenkampf wird, bei dem sich die Fronten so verhärten, dass keiner der Beteiligten bereit ist, nachzugeben. Nein! Ganz im Gegenteil: eine Gruppe muss nachgeben! Sagen wir es so: Im Sinne der Bewohner, die keine Schlammlawinen-Aficionado sind, muss es heißen: Graben olé! Kämpfe ade!

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Teure EU-Gesetzgebungsversäumnisse

Personenbezogene Daten sind alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person beziehen. Durch die Zuordnung zu einer Kennung wie Namen, Kennnummer, Standortdaten, … kann jeder identifizierbar werden, sind diese doch Ausdruck der physischen, physiologischen, genetischen, psychischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Identität einer natürlichen Person. Die EU hat bei ihrer DSGVO-Gesetzgebung allerdings nicht bedacht, dass in Scheiditz die Bewohner die einfahrenden Autos und deren Besitzer am Motorengeräusch identifizieren. So wissen alle, wer wann mit welchem Auto kommt oder geht. Und nur wegen Scheiditz muss die EU nun ihr Gesetz in Bezug auf Akustik nachbessern. Oh Mann! Das wird teuer!

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Verordnungen

Die Scheitzer haben keine Kirche im Ort. Vielleicht auch deshalb wird weniger vom aktuellen Pfarrer aus einem entfernten Nachbarort als von der letzten, bis vor wenigen Jahren noch im Ort lebenden Hexe erzählt, von einer, die den diabolischen Blick gehabt und Blut gemolken haben soll. Vielleicht erklärt sich mit der Priesterabsenz aber auch, weshalb sich die Scheitzer so eigenartige Friedhofsverordnungen geben. Muss doch hier der »Grabnutzer« Müll und anderes selber wegräumen. Da stellt sich die Frage: wer der Grabnutzer eigentlich ist? Der drinnen Liegende oder der draußen Pflegende. Wie auch immer, die Gräber sind geschlossen und Müll liegt auch nicht rum. In Scheiditz ist alles unter Kontrolle. Und so bleibt letztlich nur die bisher ungelöste Frage: wer wen kontrolliert?

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Scheiditz – Eine lange Geschichte | Stefan Petermann

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